Ferdinand
Ebner – Biographische Abhandlung in „abklärung.online“
Ferdinand Ebner (* 31. Januar 1882 in Wiener Neustadt;
† 17. Oktober 1931 in Gablitz) war ein Volksschullehrer und Philosoph.
Er wird zusammen mit Martin Buber und Franz
Rosenzweig zu den herausragendsten Vertretern des dialogischen Denkens
gerechnet.
Ebners Philosophie ist an der Ich-Du-Beziehung orientiert und hat Martin Bubers dialogischen Ansatz
vorbereitet und tiefgehend beeinflusst. Ausgehend von der Einheit von Ich und
Du im Wort entwickelte Ebner eine Philosophie der Mitteilung.
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1)
Biographie
Ebner besuchte das Gymnasium und mit
einem Jahr Unterbrechung - wegen eines Erholungsaufenthaltes in Gleichenberg
und Alland - die Niederösterreichische Lehrerbildungsanstalt in Wiener
Neustadt. Nach seiner Matura wurde er zunächst Lehrer in Waldegg im
Piestingtal. Schon hier litt er unter Depressionen. 1912 wurde Ebner dann in
die Gemeinde Gablitz im Wienerwald versetzt, er hielt sich aber auch häufig im
ca. zwanzig Kilometer entfernten Wien auf: "Ganze Tage verbrachte er nun
in den Wiener Kirchen, Museen, Konzertsälen, Theatern und Kaffeehäusern. In
letzteren diskutierte er mit Freunden und Bekannten und vertiefte sich
stundenlang in »Die Fackel« und den »Brenner«." (Martin
Weiß, in: BBKL)
Zeitlebens beschäftigte sich Ebner mit
philosophischen Themen in einer Umgebung, die dafür wenig Verständnis
aufbrachte und las zunächst Otto Weiningers Geschlecht
und Charakter, später Arthur Schopenhauer, Sören Kierkegaard und Friedrich
Nietzsche. Sein erstes philosophisches Werk Ethik
und Leben: Fragmente einer Metaphysik der individuellen Existenz verfasste
er schon 1913/14, es blieb bis jetzt
unveröffentlicht.
Sein Hauptwerk Das Wort und die
geistigen Realitäten: Pneumatologische Fragmente wurde nach auszugsweisen
Vorabdrucken in der Zeitschrift Der
Brenner 1921 im Brenner-Verlag Ludwig von Fickers, mit dem sich Ebner inzwischen
angefreundet hatte, veröffentlicht. Es wird demnächst im Zusammenhang mit einem
editorischen Projekt der Internationalen Ferdinand Ebner-Gesellschaft neu
publiziert. (Siehe die Verknüfung „IFEG“)
1923 unternahm Ebner, nachdem er ohne
große Begeisterung Leiter der Volksschule geworden war, wegen erneuter
Depressionen zwei Selbstmordversuche. Nach seinem Sanatoriumsaufenthalt
heiratete er seine Kollegin Maria Mizera. Wegen der weiteren Verschlechterung
seines Gesundheitszustandes wurde er im November 1923 pensioniert. 1931 starb
Ebner an Tuber kulose.
Ebners Nachlass befindet sich heute
im Brenner-Archiv an der Universität Innsbruck. Ein digitales
Ferdinand-Ebner-Archiv (Ebner im Weltweiten Netz) wird derzeit verhandelt.
Die wichtigsten Themen seines Denkens
sind die Pneumatologie („Geist-Lehre“ im nicht idealistischen Sinn) und die
dialogische Ich-Du-Beziehung.
2) Pneumatologie
( Die Sphäre des Wortes als geistige Realität)
In seiner allgemeinen Bedeutung
leitet sich der Begriff "Pneumatologie" vom griechischen Wort pneuma, welches Geist bedeutet, ab. Der
Begriff wurde 1620 erstmals von J.-H. Alsted eingeführt, der darunter einen
speziellen Teil der Metaphysik verstand, der von Gott, den geschaffenen Engeln
und Seelen der Menschen als den drei unstofflichen und vernunftbegabten
Geistern spricht. Das heißt auf den Punkt gebracht: "Pneumatica est
scientia de spiritu", also "Pneumatologie ist die Wissenschaft vom
Geist". Diese, in jeder Hinsicht scholastische Bedeutung passt aber nicht
wirklich zu Ebners Vorstellungen.
Hegel versteht die Pneumatologie als
"Geisteslehre" und sah später
darunter so etwas wie eine "Geisteswissenschaft" – freilich nicht im
modernen Verständnis. Der heglianischen Deutung von „Pneumatologie“
widerspricht Ebner dezidiert, sie widerspiegelt für ihn eine Spielform dessen,
was er Ich-Einsamkeit nennt.
Mit Rosenkranz kommt es zur Umdeutung des Begriffes Pneumatologie:
Rosenkranz sieht in ihr eine Wissenschaft
vom Subjekt beziehungsweise vom Geist, der dieses Subjekt umfasst.
Ebner geht in seiner
Begriffsbestimmung noch einen Schritt weiter. Für ihn ist Pneumatologie auch die Lehre vom Geist des Wortes und der
Verantwortung. Christian-Paul Berger hat diese Denkweise in seinem Bioethik-Buch und in seinem Schöpfungsbuch aufgegriffen und in
einigen wesentlichen Facetten weiterentwickelt.
Er spricht im zweiten Kapitel seines
Schöpfungsbuches von der Schöpferischen Vernunft, die sich im „Wort“, so wie
Ebner es in seinen Pneumatologischen
Fragmenten versteht, pneumatologisch verwirklicht. In der Praxis ereignet
sich eine solche Transformation z.B. im Intellekt, der das „Urwort“, als
welches Natur uns zunächst erscheint (vgl. das Achte Fragment), erfasst und als
Wort vergeistigt. Der Intellekt ist daher die entscheidende schöpferische
Kraft, durch die alle lebendigen Realitäten
und die lebendige Komplexität immer auch als geistige Realitäten zu Wort
kommen – sie werden gewissermaßen „vernünftig“ und „personal“ und auf diese
Weise kann auch die Schöpfung zur Sprache kommen. Was Ebner Pneumatologie
nennt, ist daher als die
entscheidende Dimension einer jeden jüdisch-christlichen Schöpfungslehre zu
verstehen; sie zeigt uns, allgemein verstanden, wie etwas schöpferisch zu Wort
bzw. zur Sprache kommt und damit auch „wissenschaftlich“ wird. Berger schreibt
in seinem Schöpfungsbuch:
„Mit unserem Intellekt weiß die Schöpfung von
sich selbst, sie hat, um mit Schelling zu sprechen, durch das Auftauchen des
Menschen „die Augen aufgeschlagen“ und begonnen, jenes von der Gottheit
eingehauchte Schöpfungswort auszusprechen. Die Schöpfung war bis dahin stummer
Plan, durch den Menschen ist sie zum Wort, zum Dialog geworden. Besonders
dieses Mysterium kann auch in unseren Wissenschaften thematisiert werden. Ein
Beispiel ist das anthropische Prinzip in der modernen Kosmologie.
So verstanden, ist Schöpfung dann jenes Wort bzw. jene
Zusage des Schöpfers, von der am Anfang des Johannesevangeliums (1, 3-4) die
Rede ist:
„Alles ist durch das Wort
geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war das Leben und das
Leben war das Licht der Menschen.“
Aus diesem Grund nenne ich meinen Versuch, mich dem
Geheimnis dieses johanneischen Logos anzunähern, auch mit Fug und Recht das
„Schöpfungsbuch“. Die Suche nach diesem Logos ereignet sich also in einem Buch,
das sowohl eine Expedition in die geheimnisvolle Welt der Protologie (= Lehre
von den Anfängen), als auch ein kleiner Streifzug durch die Protophysik (=
Physik des Anfangs) sein will.“
So wie im Prolog des
Johannesevangeliums steht auch am Anfang von Ebners Philosophie das „Wort“, das
der Mensch von Gott erhalten hat. Erst wenn Gott ihn angesprochen hat, wird der
Mensch zum Menschen. Genauer gesagt, legt Gott den Sinn für das Wort in uns.
Eine sehr wesentliche Stelle im Alten Testament ist Sprüche Salomos, 8, 22 ff. Dort ist von der Vermittlung der
Weisheit als kreatürlicher „Mitteilung“ die Rede, die von Gott sogar „gezeugt“
wird. Erst wenn der Mensch von dieser kreatürlichen Mitteilung her seine Umwelt
geistig deutet, steht ihm der Weg zur Zivilisation und zur Kultur offen. Durch
diesen Typ der Ansprache wird die Natur anthropisch und dialogisch (bzw.
protodialogisch) in einem, sie zeigt sich als eine Komplexität, die auf uns
abgestimmt ist und von uns zur Sprache gebracht werden kann. Es gibt also Biokommunikation und
Biohermeneutik, sobald erkannt ist, dass das Wort auch in der Natur ist.
Beide werden z.B. in den Wissenschaften und Technologien zu dialogischen
Prozessen der Mitteilung des „Urwortes“, in dem auch die Natur als
anmsprechbare „geistige Realität“ enthalten ist. Wäre dem nicht so, dann könnte
der Mensch die Natur nicht aussprechen, sie bliebe strukturlos und ohne
Grammatik. Indem er die Mitteilung
aufnimmt und ihr in seiner Personalität Spielraum gewährt, macht sich der
Mensch selbst frei, um in seinen Wissenschaften und Technologien all das deuten
und verstehen zu können, was zum Wort kommen kann. Dieses Ereignis betrifft
aber nicht nur Wissenschaft und Technik, sondern die Gesamtheit der
menschlichen Existenz und zeigt sich in den Attributen der lebendigen
Menschlichkeit. Nur über das verantwortete Wort ist Menschlichkeit, ist
Humanität möglich. Durch die Aufrechtstellung – also durch den aufrechten Gang
- hat sich ja der menschlichen Körper aus der darwinschen Wildnis befreit. Er
sagt einmal: "Das göttliche Wort ...
richtete seinen Körper auf, sodass er nun auch anatomisch zu ihr befähigt ist,
machte sein Hand frei und wandte seinen Blick zum Himmel empor". Im Achten Fragment seines Hauptwerkes
erörtert er diesen Aspekt in Hinsicht auf die Entstehung der menschlichen
Sprache. Der Schall der Wildnis, das Urgeräusch der Natur nimmt im Menschen
Gestalt an: Es wird zum Wort, von dem her etwas zur Sprache gebracht werden
kann:
“Als der Mensch im Anfange seiner Zeit das
erste Wort als Wort und nicht nur als Schall hörte; als er selber sein erstes
Wort sprach – da ging ihm das Licht seiner inneren Welt auf, und das Geheimnis
seines Lebens wurde ihm offenbar. Es muß aber dann einen Augenblick gegeben
haben, wo jenes Licht sich wieder verdunkelte und jenes Geheimnis vor dem
Menschen sich verschloß, und das war der Augenblick des Abfalls von Gott.”
Durch diese „Aufrichtung des
Menschen“ ist Transzendenz möglich geworden,
sie bezieht die Natur auf Geist und Liebe. Dieser Bezug ist ihm die Erlösung:
Aus der Wildnis wird die Lebenswelt des Menschen. Ebners Wortphilosophie kann
daher auch als Kritik des Darwinismus verstanden werden (besonders im „Achten
Fragment“).
3) Das ICH
und das DU. Die dialogische Sphäre. Ferdinand Ebners Philosophie der
Verantwortung.
Für Ebner ist das Geistige von seinem
Ursprung her als ein ethisch verantwortetes Verhältnis angelegt. Jedes Wort sucht nach Antwort. Das
ICH trägt Verantwortung gegenüber dem DU. Der Spielboden dieses Verhältnisses
kann zum Beispiel auch die Natur (im gewöhnlichen Wortsinn) sein, sofern sie
sich in geistigen Realitäten – wie z.B. den Bio- und Medizinwissenschaften –
widerspiegelt. Indem der Mensch die Natur wissenschaftlich thematisiert, bringt
er sie zur Sprache (in den Fachsprachen z.B.): Jedes Geistige zeigt sich als
verantwortete Beziehung des ICH zum DU. Aus der Wirksamkeit des Wortes in all jenen
Wirkräumen und Realitäten, in denen Menschen denken, forschen und technologisch
handeln, tritt notwendig die Verantwortung hervor, sobald sich Forschung an
etwas wendet, in etwas eingreift. In den Wissenschaften wird über den
Disziplincharakter ein ES zum DU. Die praktische Anwendung der Resultate macht
aus einem Forschungsobjekt notwendigerweise eine Mitwelt. Für Christian-Paul
Berger ist daher die ethische Wendung
zum Wort eine Rückkehr. Anders formuliert, bedeutet Verantwortung immer auch
die Rückkehr zum Prinzipiellen. Von dieser Sicht her kann man sich auf eine
Stelle im Buch Hiob beziehen, die lautet: Ruf
doch! Ist einer, der dir Antwort gibt? (Hiob, 5,)
Christian-Paul Berger schreibt:
„Die in meinem
Buch dargelegte Verschränkung von „Wunderland“ und Tatsachenwelt ist aber auch
eine ethische. Das Wort ist, kurz gesagt, immer auch Verantwortung. Das
hilft uns einzusehen, dass sich der Kosmos nicht im „wertfreien“ Raum
entwickelt. Werte sind ebenso Fixpunkte im kosmischen Geschehen wie Tatsachen.
Kurz: Die Ethik
gehört dazu, wenn wir forschen und uns dem Schöpfungsmysterium intellektuell
annähern wollen. Schöpfung ist also von Grund auf ein ethisches Bewegungsbild.
Wir können uns daher nicht, wie ein Intellektueller in den 80ern etwas voreilig
und reißerisch meinte, vom Prinzipiellen verabschieden und in die
„unermessliche Freiheit“ der postmodernen Liberalismen abtauchen. Will
nämlich Freiheit schöpferisch sein, dann kann sie das nur, wenn sie in ihrem
Wort auch als Antwort strukturiert ist.
[…]
Schönheit und
Rationalität sind daher im Wort miteinander verwoben zu jener schöpferischen
Textur, die sich z.B. als Weisheit in der biblischen Literatur bewundern lässt
(vgl. z.B. Sprüche, 8,22-24). Sie ist die Basis der Kommunikation der Geschöpfe
mit ihrem Schöpfer. SEINE „Herrlichkeit“ wird im Hebräischen chabod und
im Griechischen doxa bezeichnet, sie spiegelt sich auch in den
Abstimmungen und Harmonien, die sich zu einem Schöpfungsbild und zu einem
Schöpfungswort verdichten lassen, an dem der Mensch über seine intellektuellen,
ästhetischen und ethischen Einsichten direkt und verantwortungsvoll partizipieren kann.“
Würde der Mensch auf diese
Verantwortung in seiner kreatürlichen Existenz (z.B. als Wissenschaftler und
Technologe) verzichten und nur ein ich-einsames Dasein (z.B. als Mystiker oder
als kommunikationsloser Fachwissenschaftler) führen, dann würde er entweder in
die lautlose Innerlichkeit oder wieder in die lauten, aber sprachlosen
Wildnisse zurückfallen, in beiden erhält
er auf sein Wort keine Antwort. Ohne die dialogische Beziehung verliert die
Freiheit jede Struktur, sie wird zum Spielboden eines brutalen „Struggle for
life“ (Charles Darwin). Das Wort als verantwortete geistige Realität ist daher
unverzichtbar, es hebt den Menschen über alle jene Notwendigkeiten hinaus, die
man im Ameisenbau und im Termitenhügel vorfindet (und der moderne
Wissenschaftsbetrieb gleicht in einigen Facetten diesen Zuständen). Für Ebner
ist dieser Verzicht, sich aufzurichten in die Sphäre des Geistigen, die "Pervertierung
des Willens zum Leben" und der Mensch, der so handelt. begeht eine schwere
Sünde. Er stiehlt sich nämlich aus der ihm auferlegten Verantwortung und wendet
sich von Gott ab, er fällt in sich selbst zurück.
Letztlich findet das DU, gemäß dem
christlichen Glauben, seine Bestimmung jedoch nur in Gott, denn "das wahre
DU des ICH ist Gott" (Hohmann, S. 23).
4) Schluss-Statement von Christian-Paul Berger zu Ferdinand
Ebner.
Am Schluss des fünften Kapitels des Schöpfungsbuches lesen wir:
„Schöpfung ist für mich Ehre,
Gedenken, Zuversicht und das Zutrauen, dass in ihr geantwortet wird. Dies lässt
sich aus den beiden biblischen Schöpfungsberichten „lernen“. Wir müssen es aber
in unserem Leben praktisch umsetzen. Wir finden eine einfühlsame und praktische
Weisheit in ihnen, die unser Leben direkt berührt, was man von
wissenschaftlichen Forschungsergebnissen nicht so ohne weiteres sagen kann. Sie
berichten uns von einem sinnvollen Beginn und einem Plan, von einer Weisheit
des Lebens, die faszinierend ist, hat man sie einmal verstanden. Darüber hinaus
bieten sie uns eine hoch stehende Ordnung an, die das Fundament einer Bioethik
sein kann, die dem Leben Ehrfurcht entgegenbringt. Das hat seinen plausiblen
Grund. Denn die Schöpfungsberichte, die den Anfang in den Blickpunkt rücken,
stehen eng und weit verzweigt mit einer Literatur in Beziehung, die man Weisheitsliteratur
Israels nennt: Ihr Grundtenor ist der Gedanke, dass das Schöpfungswort dazu
dient, das Lob Gottes herauszustellen. Dazu gibt es einen eigenen Worttyp bzw. eine Metaphorologie, für die das
hebräische Wort dabar steht. Dies bedeutet zweierlei: Erstens ist dabar
das Wort, das Bewegung ausdrückt. Damit
ist gemeint, dass Sprache schöpferische Wirklichkeiten setzt. Und zweitens gibt
es Worte der Unterscheidung und Worte der Zierde. Dieser Gedanke ist auch
von der christlichen Tradition aufgegriffen worden, wenn dort von den Werken
der Unterscheidung (opera distinctionis, erster bis dritter Tag) und
den Werken der Zierde (opera ornata, vierter bis sechster Tag).
Auch das griechische Wort κόσμος (= Kosmos)
bedeutet übrigens Zierde.
Das Wort im Sinne von hebräisch dabar
ist im Verständnis der Weisheitsliteratur unter anderem auch als das
Zeugnis Gottes zu verstehen. Die damit verknüpfte Metaphorologie lässt sich
daher auch als Pneumatologie bezeichnen: Diese umfasst alle Wirklichkeiten, die
als Zeugnis Gottes zu verstehen sind. Es gibt in diesem Zusammenhang eine große
Zahl von Belegstellen quer durch das ganze Alte Testament. Das biblische Wort
ist also ein Befehl Gottes, was sich auch mit dem Hinweis auf die Formel „Gott
sprach“ verdeutlichen lässt. In diesem Sinne ist jedes Schöpfungswort von
vorneherein ein personales Wort, ja die ganze Schöpfung ist so ausgelegt, dass
man sie als den Dialog Gottes mit den Geschöpfen begreifen kann. Die Schöpfung
ist dabei das Angesprochene. Sie antwortet mit dem Auftauchen des Menschen. Man
kann sogar sagen: Das Wort ist Impuls. Es trifft auf jemanden und bewirkt
etwas. Was hätte nun eine Schöpfung für einen Sinn, wenn es niemanden gäbe,
der sie bewundern kann? Anders formuliert heißt dies: Was wäre das für ein
Wort, auf das es keine Antwort gibt? Das ist eine der schwierigsten Fragen
überhaupt, die sich vom ersten Schöpfungsbericht her stellen lässt. Sie ist,
wie bereits zuvor erläutert, auch heute noch brandaktuell und hat die
Ideengeschichte seit zwei Jahrtausenden zutiefst bewegt. Es gibt viele
Antworten auf sie. Von Platon bis Albert Camus und Jacques Monod. Von vielen
Versuchen, sie positiv bzw. sinnhaft zu beantworten, gefällt mir besonders gut
die des jüdisch-niederländischen Philosophen Benedikt de Spinoza. Sie ist
3-teilig und befindet sich im fünften Teil seines Hauptwerkes „Die Ethik“. Der
erste Satz lautet: „Je mehr wir die Einzeldinge erkennen, umso mehr erkennen
wir Gott.“(Teil V/Satz 24), der zweite folgt etwas später und lautet: „Insofern
unser Geist sich und den Körper unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit erkennt,
hat er notwendig eine Erkenntnis Gottes und weiß, dass er in Gott ist und durch
Gott begriffen wird.“ (Teil V/Satz 30). Schließlich folgt noch der dritte
Satz: „ … die intellektuelle Liebe des Geistes zu Gott ist ein Teil der
unendlichen Liebe, womit Gott sich selbst liebt.“(Teil V/Satz 36). Er ist
gewissermaßen der Schluss-Stein einer Argumentation, die meines Erachtens in
der Tradition der Weisheitsliteratur steht. Man könnte das Ganze so verstehen:
Gott gibt sich dem Menschen als jene Intellektualität, mit der ihn der Mensch
erkennen kann. Die Liebe ist hier mit Erkenntnis verknüpft, Gottesliebe beruht
auf der liebenden Einsicht in die Natur, die Spinoza freilich mit Gott
gleichsetzt, - man nennt diese Haltung (Deus sive natura oder Gott
ist die Natur) pantheistisch. Wir können diesen Hemmschuh, der der
christlichen Auffassung radikal widerspricht, damit umgehen, dass wir nicht von
Gott, sondern vom Kosmos als seinem Ebenbild sprechen. Intellektualität führt
uns, so verstanden an ihn heran, weil wir durch sie sein Ebenbild, den Kosmos
und damit indirekt ihn - erfassen können. Im zwanzigsten Jahrhundert war es
besonders Albert Einstein, der mit diesem intellektuellen Spinozismus
sympathisierte. Wissenschaft ist dann, recht vollzogen, intellektuelle Liebe zu
Gott bzw. zu seiner Schöpfung. Dieser faszinierende Gedanke Spinozas bietet
allerdings noch eine zweite Perspektive, sie ist eine Antwort auf die
oben gestellte Frage nach dem Sinn des Kosmos, der den Charakter des Wortes in
sich trägt. Sie ist lässt sich viel besser mit der Weisheitsliteratur
verbinden. Ich möchte sie skizzieren:
Die Einzeldinge unter dem Gesichtspunkt des Kosmischen – als Abglanz des
Göttlichen – zu begreifen, ist in einem höheren Sinne die Selbstliebe Gottes,
der in der Schöpfung der Einzeldinge aus sich heraustritt. Er tritt vor den
Spiegel und das Spiegelbild ist der Kosmos. Dieses Spiegelbild pflanzt er uns
in die Intuitionen ein, die für Spinoza die exakteste Form der Wahrheitsfindung
bilden. Jetzt muss noch das „biblische Salz in Spinozas Suppe kommen“: Und
damit es nicht eine stumme Reflexion bleibt, spricht er seine Schöpfung auch
als Wort aus und setzt sich in der Erschaffung des Menschen und der ihn
umgebenden Natur ein Du. Der Mensch als Forscher und Bewunderer nimmt das
Gespräch auf, indem er staunt und forscht. Damit ist die Schöpfung zum einen
Spiegelung, und zum anderen Dialog, in dem über das Ebenbild in verschiedenen
Redweisen gesprochen wird.
Wer diesen Gedanken der jüdischen Weisheitsliteratur, der
freilich bereits über das von Spinoza Gesagte hinausgeht, in großer Echtheit in
der christlichen Tradition finden will, muss nach Gablitz in Niederösterreich –
das ist ein kleiner Ort nahe Wien – blicken. Dort lebte am Beginn des
zwanzigsten Jahrhunderts der österreichische Philosoph und Volksschullehrer
Ferdinand Ebner, der in seinem faszinierenden Hauptwerk „Das Wort und die
geistigen Realitäten“ diesen Gedanken Spinozas mit höchster kritischer
Intensität wieder aufnahm, ihn vervollständigte und sogar – aus einer
kulturpessimistischen Skepsis heraus – Sündenfälle wieder den Geist des Wortes
konstruierte. Er spricht von „Ich-Einsamkeit“, um diese Sündenfälle unter einen
einzigen Begriff zu subsumieren.
Das Werk besteht aus insgesamt 18
Fragmenten, im zweiten Fragment mit Titel: „Wort und Persönlichkeit.
Ursprung des Wortes. Ich und Du“ sagt Ferdinand Ebner Folgendes:
„Das
geistige Leben des Menschen ist mit der Sprache innigst und unlösbar verknüpft
und beruht wie eben diese auch auf dem Verhältnis des Ichs zum Du. Von der
Tatsache, dass sich das Wort zwischen der >ersten< und >zweiten<
Person abspielt, muß jeder Versuch ausgehen, die Sprache in Hinsicht auf ihre
geistige Bedeutung zu ergründen. Sie hat in der Aktualität ihres
Gesprochenwerdens die Persönlichkeit des Ichs zum Du zur Voraussetzung.“
(Ferdinand Ebner, S.17)
In ihrem Aufsatz „Ebner und Buber,
Rosenzweig und Ehrenberg“ (in: Gegen den Traum vom Geist. Ferdinand Ebner.
Beiträge zum Symposion Gablitz 1981. Brennerstudien Band V, S.97-105)
hat die israelische Forscherin Rivka Horwitz zweifelsfrei nachweisen können,
wie stark Martin Buber von Ferdinand Ebner beeinflusst ist, so dass hier die
ironische Situation vorliegt, dass einer der bedeutendsten jüdischen Denker des
zwanzigsten Jahrhunderts einen wesentlichen Gedanken der jüdischen
Weisheitsliteratur – dass die Schöpfung sich im dabar zeigt - von einem
christlichen Denker zurückerhalten hat: Ich sehe darin ein großes Zeichen der
Versöhnung, die von einem intellektuellen Zirkel, dem Innsbrucker
Brenner-Kreis, aus möglich wurde, der sich zu allen Zeiten vehement gegen
jegliche Form des Antisemitismus wandte. Kein Geringerer als Karl Kraus stand
ihm nahe. Ebners Mentor, der Innsbrucker Kulturpublizist Ludwig von Ficker,
veröffentlichte nach dem Ersten Weltkrieg Ebners Hauptwerk in seinem Verlag.
Ich glaube nun mit einiger Sicherheit
zu wissen, dass Ferdinand Ebner mit meiner Präsentation der Schöpfung als der
intellektuellen Liebe Gottes zu sich selbst keinesfalls zufrieden gewesen wäre.
Aus seiner Sicht völlig zu Recht! Ich möchte die Gründe im Folgenden darlegen
und mich Ebner dann auch anschließen. Ich glaube nämlich selbst nicht an die
Lösung Spinozas, möchte aber betonen, dass sie ein wichtiges Problem aufwirft,
welches Ebner in seinem Hauptwerk für mich endgültig geklärt hat. Die Antwort
Spinozas ist nämlich nicht vollständig. Rekapitulieren wir meine Deutung noch
einmal: Zwei Prozesse habe ich erwähnt: Die Spiegelung und den Dialog. In
Spinozas Fall ist die Selbstliebe Gottes lediglich eine Selbstspiegelung: Ebner
kritisiert gerade diese einseitige Sichtweise radikal. Die wesentliche Dynamik
des Wortes ist kein Bild, sondern das Gespräch: Er wirft allen idealistischen
Philosophen vor, dass sie in der Spiegelung (Reflexion) stecken geblieben sind,
und nennt diesen Zustand Ich-Einsamkeit. Dies trifft ganz besonders auf Platon,
auf Fichte und auf Hegel zu. Auch solchen Mystikern wie Meister Eckhard und
Jakob Böhme misstraut er zutiefst, denn für ihn finden sie ihre Ruhe in der
Abgeschiedenheit. Sie lassen sich von dem Irrglauben verführen, dass man mit
Gott über kommunikationslose bzw. sprachlose Spiegelungen in Beziehung treten
könne. Für Ebner ist die Schöpfung vielmehr Gottes Wort, das sich auf ein Du
hinwendet. Schöpfung darf also, Ebner zufolge, nicht allein als Leitbild
aufgefasst werden, in dem man sich in narzisstischer Absicht spiegelt, sondern
sie ist vielmehr von zwei Leitworten, vom Ich und Du, bestimmt. Schöpfung ist
z.B. der Form nach Freundschaft und Brüderlichkeit, so wie sie auch das
franziskanische Ethos fordert. Für Ebner war daher die Zivilisation des
endenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts ein zivilisatorisches
Gesamtkunstwerk, das in einer mörderischen Ich-Einsamkeit verharrte.
Nationalismus, Imperialismus, Faschismus, Stalinismus und Rassismus sind solche
Formen der Ich-Einsamkeit. Er sah sich deswegen zu einem radikalen
Kulturpessimismus veranlasst. Ich sehe in diesem Gedanken eine tiefe Wahrheit,
der auch heute noch – trotz der hoch entwickelten Kommunikations- und
Medientechnologien – seine Berechtigung hat. Ich und Du sind also das erste
Werk der Unterscheidung. Nicht Spiegelungen retten Menschen vor sich selbst,
sondern der Dialog, der auf das Schöpfungswort aufbaut. Das gilt für alle
Bereiche des menschlichen und zivilisatorischen Lebens.
Kehren wir von diesen Überlegungen
wieder zu folgendem Satz zurück: Das Wort drückt die innere Freundschaft
zwischen jenen Dingen und Wirklichkeiten aus, von denen es berichtet. Er
bekommt von jetzt an eine radikalere Bedeutung.
____________________________________
4) Werke
- "Das
Wort und die geistigen Realitäten - Pneumatologische Fragmente" 1921,
Hrsg: Herder Verlag, Wien, 1952
- "Wort
und Liebe" 1935
- "Tagebuch
1916. Fragment aus dem Jahre 1916", hrsg. v. Richard Hörmann und
Markus Flatscher, Hamburg u.a.: LIT-Verlag, 2007
- "Mühlauer
Tagebuch: 23.7. - 28.8.1920.", hrsg. v. Richard Hörmann und Monika
Seekircher. Wien; Köln; Weimar: Böhlau 2001
- "Das
Wort ist der Weg", Herder Verlag, Wien, 1983
- "Das
Urwort der Sprache", in: Ficker, L: "Der Brenner", 6.Folge,
2.Halbband, Brenner-Verlag, Innsbruck, 1921
- "Glossen
zum Introitus des Johannesevangeliums", in: Ficker, L.: "Der
Brenner", 6.Folge, 2.Halbband, Brenner-Verlag, Innsbruck 1921
- "Schriften
I - Fragmente, Aufsätze, Aphorismen", Kösel-Verlag KG, München 1963
- "Schriften
II - Notizen, Tagebücher, Lebenserinnerungen", Kösel-Verlag KG,
München, 1963
- "Schriften
III - Briefe", Kösel-Verlag KG, München 1963


