Ferdinand Ebner

Ferdinand Ebner – Biographische Abhandlung in „abklärung.online“

 

 

Ferdinand Ebner (* 31. Januar 1882 in Wiener Neustadt; † 17. Oktober 1931 in Gablitz) war ein Volksschullehrer und Philosoph.

Er wird zusammen mit Martin Buber und Franz Rosenzweig zu den herausragendsten Vertretern des dialogischen Denkens gerechnet.

Ebners Philosophie ist an der Ich-Du-Beziehung orientiert und  hat Martin Bubers dialogischen Ansatz vorbereitet und tiefgehend beeinflusst. Ausgehend von der Einheit von Ich und Du im Wort entwickelte Ebner eine Philosophie der Mitteilung.

 

1) Biographie

Ebner besuchte das Gymnasium und mit einem Jahr Unterbrechung - wegen eines Erholungsaufenthaltes in Gleichenberg und Alland - die Niederösterreichische Lehrerbildungsanstalt in Wiener Neustadt. Nach seiner Matura wurde er zunächst Lehrer in Waldegg im Piestingtal. Schon hier litt er unter Depressionen. 1912 wurde Ebner dann in die Gemeinde Gablitz im Wienerwald versetzt, er hielt sich aber auch häufig im ca. zwanzig Kilometer entfernten Wien auf: "Ganze Tage verbrachte er nun in den Wiener Kirchen, Museen, Konzertsälen, Theatern und Kaffeehäusern. In letzteren diskutierte er mit Freunden und Bekannten und vertiefte sich stundenlang in »Die Fackel« und den »Brenner«." (Martin Weiß, in: BBKL)

Zeitlebens beschäftigte sich Ebner mit philosophischen Themen in einer Umgebung, die dafür wenig Verständnis aufbrachte und las zunächst Otto Weiningers Geschlecht und Charakter, später Arthur Schopenhauer, Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche. Sein erstes philosophisches Werk Ethik und Leben: Fragmente einer Metaphysik der individuellen Existenz verfasste er schon 1913/14, es blieb  bis jetzt unveröffentlicht.

Sein Hauptwerk Das Wort und die geistigen Realitäten: Pneumatologische Fragmente wurde nach auszugsweisen Vorabdrucken in der Zeitschrift Der Brenner 1921 im Brenner-Verlag Ludwig von Fickers, mit dem sich Ebner inzwischen angefreundet hatte, veröffentlicht. Es wird demnächst im Zusammenhang mit einem editorischen Projekt der Internationalen Ferdinand Ebner-Gesellschaft neu publiziert. (Siehe die Verknüfung „IFEG“)

1923 unternahm Ebner, nachdem er ohne große Begeisterung Leiter der Volksschule geworden war, wegen erneuter Depressionen zwei Selbstmordversuche. Nach seinem Sanatoriumsaufenthalt heiratete er seine Kollegin Maria Mizera. Wegen der weiteren Verschlechterung seines Gesundheitszustandes wurde er im November 1923 pensioniert. 1931 starb Ebner an Tuber    kulose.

Ebners Nachlass befindet sich heute im Brenner-Archiv an der Universität Innsbruck. Ein digitales Ferdinand-Ebner-Archiv (Ebner im Weltweiten Netz) wird derzeit verhandelt.

Die wichtigsten Themen seines Denkens sind die Pneumatologie („Geist-Lehre“ im nicht idealistischen Sinn) und die dialogische Ich-Du-Beziehung.

2) Pneumatologie ( Die Sphäre des Wortes als geistige Realität)

In seiner allgemeinen Bedeutung leitet sich der Begriff "Pneumatologie" vom griechischen Wort pneuma, welches Geist bedeutet, ab. Der Begriff wurde 1620 erstmals von J.-H. Alsted eingeführt, der darunter einen speziellen Teil der Metaphysik verstand, der von Gott, den geschaffenen Engeln und Seelen der Menschen als den drei unstofflichen und vernunftbegabten Geistern spricht. Das heißt auf den Punkt gebracht: "Pneumatica est scientia de spiritu", also "Pneumatologie ist die Wissenschaft vom Geist". Diese, in jeder Hinsicht scholastische Bedeutung passt aber nicht wirklich zu Ebners Vorstellungen.

Hegel versteht die Pneumatologie als "Geisteslehre" und  sah später darunter so etwas wie eine "Geisteswissenschaft" – freilich nicht im modernen Verständnis. Der heglianischen Deutung von „Pneumatologie“ widerspricht Ebner dezidiert, sie widerspiegelt für ihn eine Spielform dessen, was er Ich-Einsamkeit nennt.

Mit Rosenkranz kommt es zur Umdeutung des Begriffes Pneumatologie: Rosenkranz sieht in ihr eine Wissenschaft vom Subjekt beziehungsweise vom Geist, der dieses Subjekt umfasst.

Ebner geht in seiner Begriffsbestimmung noch einen Schritt weiter. Für ihn ist Pneumatologie auch die Lehre vom Geist des Wortes und der Verantwortung. Christian-Paul Berger hat diese Denkweise in seinem Bioethik-Buch und in seinem Schöpfungsbuch aufgegriffen und in einigen wesentlichen Facetten weiterentwickelt.

Er spricht im zweiten Kapitel seines Schöpfungsbuches von der Schöpferischen Vernunft, die sich im „Wort“, so wie Ebner es in seinen Pneumatologischen Fragmenten versteht, pneumatologisch verwirklicht. In der Praxis ereignet sich eine solche Transformation z.B. im Intellekt, der das „Urwort“, als welches Natur uns zunächst erscheint (vgl. das Achte Fragment), erfasst und als Wort vergeistigt. Der Intellekt ist daher die entscheidende schöpferische Kraft, durch die alle lebendigen Realitäten  und die lebendige Komplexität immer auch als geistige Realitäten zu Wort kommen – sie werden gewissermaßen „vernünftig“ und „personal“ und auf diese Weise kann auch die Schöpfung zur Sprache kommen. Was Ebner Pneumatologie nennt, ist daher als die entscheidende Dimension einer jeden jüdisch-christlichen Schöpfungslehre zu verstehen; sie zeigt uns, allgemein verstanden, wie etwas schöpferisch zu Wort bzw. zur Sprache kommt und damit auch „wissenschaftlich“ wird. Berger schreibt in seinem Schöpfungsbuch:

Mit unserem Intellekt weiß die Schöpfung von sich selbst, sie hat, um mit Schelling zu sprechen, durch das Auftauchen des Menschen „die Augen aufgeschlagen“ und begonnen, jenes von der Gottheit eingehauchte Schöpfungswort auszusprechen. Die Schöpfung war bis dahin stummer Plan, durch den Menschen ist sie zum Wort, zum Dialog geworden. Besonders dieses Mysterium kann auch in unseren Wissenschaften thematisiert werden. Ein Beispiel ist das anthropische Prinzip in der modernen Kosmologie.

 

So verstanden, ist Schöpfung dann jenes Wort bzw. jene Zusage des Schöpfers, von der am Anfang des Johannesevangeliums (1, 3-4) die Rede ist:

 

„Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.“

 

Aus diesem Grund nenne ich meinen Versuch, mich dem Geheimnis dieses johanneischen Logos anzunähern, auch mit Fug und Recht das „Schöpfungsbuch“. Die Suche nach diesem Logos ereignet sich also in einem Buch, das sowohl eine Expedition in die geheimnisvolle Welt der Protologie (= Lehre von den Anfängen), als auch ein kleiner Streifzug durch die Protophysik (= Physik des Anfangs) sein will.

So wie im Prolog des Johannesevangeliums steht auch am Anfang von Ebners Philosophie das „Wort“, das der Mensch von Gott erhalten hat. Erst wenn Gott ihn angesprochen hat, wird der Mensch zum Menschen. Genauer gesagt, legt Gott den Sinn für das Wort in uns. Eine sehr wesentliche Stelle im Alten Testament ist Sprüche Salomos, 8, 22 ff. Dort ist von der Vermittlung der Weisheit als kreatürlicher „Mitteilung“ die Rede, die von Gott sogar „gezeugt“ wird. Erst wenn der Mensch von dieser kreatürlichen Mitteilung her seine Umwelt geistig deutet, steht ihm der Weg zur Zivilisation und zur Kultur offen. Durch diesen Typ der Ansprache wird die Natur anthropisch und dialogisch (bzw. protodialogisch) in einem, sie zeigt sich als eine Komplexität, die auf uns abgestimmt ist und von uns zur Sprache gebracht werden kann. Es gibt also Biokommunikation und Biohermeneutik, sobald erkannt ist, dass das Wort auch in der Natur ist. Beide werden z.B. in den Wissenschaften und Technologien zu dialogischen Prozessen der Mitteilung des „Urwortes“, in dem auch die Natur als anmsprechbare „geistige Realität“ enthalten ist. Wäre dem nicht so, dann könnte der Mensch die Natur nicht aussprechen, sie bliebe strukturlos und ohne Grammatik. Indem er die Mitteilung aufnimmt und ihr in seiner Personalität Spielraum gewährt, macht sich der Mensch selbst frei, um in seinen Wissenschaften und Technologien all das deuten und verstehen zu können, was zum Wort kommen kann. Dieses Ereignis betrifft aber nicht nur Wissenschaft und Technik, sondern die Gesamtheit der menschlichen Existenz und zeigt sich in den Attributen der lebendigen Menschlichkeit. Nur über das verantwortete Wort ist Menschlichkeit, ist Humanität möglich. Durch die Aufrechtstellung – also durch den aufrechten Gang - hat sich ja der menschlichen Körper aus der darwinschen Wildnis befreit. Er sagt einmal: "Das göttliche Wort ... richtete seinen Körper auf, sodass er nun auch anatomisch zu ihr befähigt ist, machte sein Hand frei und wandte seinen Blick zum Himmel empor".  Im Achten Fragment seines Hauptwerkes erörtert er diesen Aspekt in Hinsicht auf die Entstehung der menschlichen Sprache. Der Schall der Wildnis, das Urgeräusch der Natur nimmt im Menschen Gestalt an: Es wird zum Wort, von dem her etwas zur Sprache gebracht werden kann:

Als der Mensch im Anfange seiner Zeit das erste Wort als Wort und nicht nur als Schall hörte; als er selber sein erstes Wort sprach – da ging ihm das Licht seiner inneren Welt auf, und das Geheimnis seines Lebens wurde ihm offenbar. Es muß aber dann einen Augenblick gegeben haben, wo jenes Licht sich wieder verdunkelte und jenes Geheimnis vor dem Menschen sich verschloß, und das war der Augenblick des Abfalls von Gott.” 

Durch diese „Aufrichtung des Menschen“ ist Transzendenz möglich geworden, sie bezieht die Natur auf Geist und Liebe. Dieser Bezug ist ihm die Erlösung: Aus der Wildnis wird die Lebenswelt des Menschen. Ebners Wortphilosophie kann daher auch als Kritik des Darwinismus verstanden werden (besonders im „Achten Fragment“).

3) Das ICH und das DU. Die dialogische Sphäre. Ferdinand Ebners Philosophie der Verantwortung.

Für Ebner ist das Geistige von seinem Ursprung her als ein ethisch verantwortetes Verhältnis  angelegt. Jedes Wort sucht nach Antwort. Das ICH trägt Verantwortung gegenüber dem DU. Der Spielboden dieses Verhältnisses kann zum Beispiel auch die Natur (im gewöhnlichen Wortsinn) sein, sofern sie sich in geistigen Realitäten – wie z.B. den Bio- und Medizinwissenschaften – widerspiegelt. Indem der Mensch die Natur wissenschaftlich thematisiert, bringt er sie zur Sprache (in den Fachsprachen z.B.): Jedes Geistige zeigt sich als verantwortete Beziehung des ICH zum DU. Aus der Wirksamkeit des Wortes in all jenen Wirkräumen und Realitäten, in denen Menschen denken, forschen und technologisch handeln, tritt notwendig die Verantwortung hervor, sobald sich Forschung an etwas wendet, in etwas eingreift. In den Wissenschaften wird über den Disziplincharakter ein ES zum DU. Die praktische Anwendung der Resultate macht aus einem Forschungsobjekt notwendigerweise eine Mitwelt. Für Christian-Paul Berger ist daher die ethische Wendung zum Wort eine Rückkehr. Anders formuliert, bedeutet Verantwortung immer auch die Rückkehr zum Prinzipiellen. Von dieser Sicht her kann man sich auf eine Stelle im Buch Hiob beziehen, die lautet: Ruf doch! Ist einer, der dir Antwort gibt? (Hiob, 5,)

Christian-Paul Berger schreibt:

„Die in meinem Buch dargelegte Verschränkung von „Wunderland“ und Tatsachenwelt ist aber auch eine ethische. Das Wort ist, kurz gesagt, immer auch Verantwortung. Das hilft uns einzusehen, dass sich der Kosmos nicht im „wertfreien“ Raum entwickelt. Werte sind ebenso Fixpunkte im kosmischen Geschehen wie Tatsachen.

Kurz: Die Ethik gehört dazu, wenn wir forschen und uns dem Schöpfungsmysterium intellektuell annähern wollen. Schöpfung ist also von Grund auf ein ethisches Bewegungsbild. Wir können uns daher nicht, wie ein Intellektueller in den 80ern etwas voreilig und reißerisch meinte, vom Prinzipiellen verabschieden und in die „unermessliche Freiheit“ der postmodernen Liberalismen abtauchen. Will nämlich Freiheit schöpferisch sein, dann kann sie das nur, wenn sie in ihrem Wort auch als Antwort strukturiert ist.  […]

Schönheit und Rationalität sind daher im Wort miteinander verwoben zu jener schöpferischen Textur, die sich z.B. als Weisheit in der biblischen Literatur bewundern lässt (vgl. z.B. Sprüche, 8,22-24). Sie ist die Basis der Kommunikation der Geschöpfe mit ihrem Schöpfer. SEINE „Herrlichkeit“ wird im Hebräischen chabod und im Griechischen doxa bezeichnet, sie spiegelt sich auch in den Abstimmungen und Harmonien, die sich zu einem Schöpfungsbild und zu einem Schöpfungswort verdichten lassen, an dem der Mensch über seine intellektuellen, ästhetischen und ethischen Einsichten direkt und verantwortungsvoll partizipieren kann.“

Würde der Mensch auf diese Verantwortung in seiner kreatürlichen Existenz (z.B. als Wissenschaftler und Technologe) verzichten und nur ein ich-einsames Dasein (z.B. als Mystiker oder als kommunikationsloser Fachwissenschaftler) führen, dann würde er entweder in die lautlose Innerlichkeit oder wieder in die lauten, aber sprachlosen Wildnisse zurückfallen, in  beiden erhält er auf sein Wort keine Antwort. Ohne die dialogische Beziehung verliert die Freiheit jede Struktur, sie wird zum Spielboden eines brutalen „Struggle for life“ (Charles Darwin). Das Wort als verantwortete geistige Realität ist daher unverzichtbar, es hebt den Menschen über alle jene Notwendigkeiten hinaus, die man im Ameisenbau und im Termitenhügel vorfindet (und der moderne Wissenschaftsbetrieb gleicht in einigen Facetten diesen Zuständen). Für Ebner ist dieser Verzicht, sich aufzurichten in die Sphäre des Geistigen, die "Pervertierung des Willens zum Leben" und der Mensch, der so handelt. begeht eine schwere Sünde. Er stiehlt sich nämlich aus der ihm auferlegten Verantwortung und wendet sich von Gott ab, er fällt in sich selbst zurück.

Letztlich findet das DU, gemäß dem christlichen Glauben, seine Bestimmung jedoch nur in Gott, denn "das wahre DU des ICH ist Gott" (Hohmann, S. 23).

4) Schluss-Statement von Christian-Paul Berger zu Ferdinand Ebner.

Am Schluss des fünften Kapitels des Schöpfungsbuches lesen wir:

„Schöpfung ist für mich Ehre, Gedenken, Zuversicht und das Zutrauen, dass in ihr geantwortet wird. Dies lässt sich aus den beiden biblischen Schöpfungsberichten „lernen“. Wir müssen es aber in unserem Leben praktisch umsetzen. Wir finden eine einfühlsame und praktische Weisheit in ihnen, die unser Leben direkt berührt, was man von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen nicht so ohne weiteres sagen kann. Sie berichten uns von einem sinnvollen Beginn und einem Plan, von einer Weisheit des Lebens, die faszinierend ist, hat man sie einmal verstanden. Darüber hinaus bieten sie uns eine hoch stehende Ordnung an, die das Fundament einer Bioethik sein kann, die dem Leben Ehrfurcht entgegenbringt. Das hat seinen plausiblen Grund. Denn die Schöpfungsberichte, die den Anfang in den Blickpunkt rücken, stehen eng und weit verzweigt mit einer Literatur in Beziehung, die man Weisheitsliteratur Israels nennt: Ihr Grundtenor ist der Gedanke, dass das Schöpfungswort dazu dient, das Lob Gottes herauszustellen. Dazu gibt es einen eigenen  Worttyp bzw. eine Metaphorologie, für die das hebräische Wort dabar steht. Dies bedeutet zweierlei: Erstens ist dabar das Wort, das Bewegung ausdrückt.  Damit ist gemeint, dass Sprache schöpferische Wirklichkeiten setzt. Und zweitens gibt es Worte der Unterscheidung und Worte der Zierde. Dieser Gedanke ist auch von der christlichen Tradition aufgegriffen worden, wenn dort von den Werken der Unterscheidung (opera distinctionis, erster bis dritter Tag) und den Werken der Zierde (opera ornata, vierter bis sechster Tag). Auch das griechische Wort κόσμος (= Kosmos) bedeutet übrigens Zierde.

Das Wort im Sinne von hebräisch dabar ist im Verständnis der Weisheitsliteratur unter anderem auch als das Zeugnis Gottes zu verstehen. Die damit verknüpfte Metaphorologie lässt sich daher auch als Pneumatologie bezeichnen: Diese umfasst alle Wirklichkeiten, die als Zeugnis Gottes zu verstehen sind. Es gibt in diesem Zusammenhang eine große Zahl von Belegstellen quer durch das ganze Alte Testament. Das biblische Wort ist also ein Befehl Gottes, was sich auch mit dem Hinweis auf die Formel „Gott sprach“ verdeutlichen lässt. In diesem Sinne ist jedes Schöpfungswort von vorneherein ein personales Wort, ja die ganze Schöpfung ist so ausgelegt, dass man sie als den Dialog Gottes mit den Geschöpfen begreifen kann. Die Schöpfung ist dabei das Angesprochene. Sie antwortet mit dem Auftauchen des Menschen. Man kann sogar sagen: Das Wort ist Impuls. Es trifft auf jemanden und bewirkt etwas. Was hätte nun eine Schöpfung für einen Sinn, wenn es niemanden gäbe, der sie bewundern kann? Anders formuliert heißt dies: Was wäre das für ein Wort, auf das es keine Antwort gibt? Das ist eine der schwierigsten Fragen überhaupt, die sich vom ersten Schöpfungsbericht her stellen lässt. Sie ist, wie bereits zuvor erläutert, auch heute noch brandaktuell und hat die Ideengeschichte seit zwei Jahrtausenden zutiefst bewegt. Es gibt viele Antworten auf sie. Von Platon bis Albert Camus und Jacques Monod. Von vielen Versuchen, sie positiv bzw. sinnhaft zu beantworten, gefällt mir besonders gut die des jüdisch-niederländischen Philosophen Benedikt de Spinoza. Sie ist 3-teilig und befindet sich im fünften Teil seines Hauptwerkes „Die Ethik“. Der erste Satz lautet: „Je mehr wir die Einzeldinge erkennen, umso mehr erkennen wir Gott.“(Teil V/Satz 24), der zweite folgt etwas später und lautet: „Insofern unser Geist sich und den Körper unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit erkennt, hat er notwendig eine Erkenntnis Gottes und weiß, dass er in Gott ist und durch Gott begriffen wird.“ (Teil V/Satz 30). Schließlich folgt noch der dritte Satz: „ … die intellektuelle Liebe des Geistes zu Gott ist ein Teil der unendlichen Liebe, womit Gott sich selbst liebt.“(Teil V/Satz 36). Er ist gewissermaßen der Schluss-Stein einer Argumentation, die meines Erachtens in der Tradition der Weisheitsliteratur steht. Man könnte das Ganze so verstehen: Gott gibt sich dem Menschen als jene Intellektualität, mit der ihn der Mensch erkennen kann. Die Liebe ist hier mit Erkenntnis verknüpft, Gottesliebe beruht auf der liebenden Einsicht in die Natur, die Spinoza freilich mit Gott gleichsetzt, - man nennt diese Haltung (Deus sive natura oder Gott ist die Natur) pantheistisch. Wir können diesen Hemmschuh, der der christlichen Auffassung radikal widerspricht, damit umgehen, dass wir nicht von Gott, sondern vom Kosmos als seinem Ebenbild sprechen. Intellektualität führt uns, so verstanden an ihn heran, weil wir durch sie sein Ebenbild, den Kosmos und damit indirekt ihn - erfassen können. Im zwanzigsten Jahrhundert war es besonders Albert Einstein, der mit diesem intellektuellen Spinozismus sympathisierte. Wissenschaft ist dann, recht vollzogen, intellektuelle Liebe zu Gott bzw. zu seiner Schöpfung. Dieser faszinierende Gedanke Spinozas bietet allerdings noch eine zweite Perspektive, sie ist eine Antwort auf die oben gestellte Frage nach dem Sinn des Kosmos, der den Charakter des Wortes in sich trägt. Sie ist lässt sich viel besser mit der Weisheitsliteratur verbinden. Ich möchte sie skizzieren:  Die Einzeldinge unter dem Gesichtspunkt des Kosmischen – als Abglanz des Göttlichen – zu begreifen, ist in einem höheren Sinne die Selbstliebe Gottes, der in der Schöpfung der Einzeldinge aus sich heraustritt. Er tritt vor den Spiegel und das Spiegelbild ist der Kosmos. Dieses Spiegelbild pflanzt er uns in die Intuitionen ein, die für Spinoza die exakteste Form der Wahrheitsfindung bilden. Jetzt muss noch das „biblische Salz in Spinozas Suppe kommen“: Und damit es nicht eine stumme Reflexion bleibt, spricht er seine Schöpfung auch als Wort aus und setzt sich in der Erschaffung des Menschen und der ihn umgebenden Natur ein Du. Der Mensch als Forscher und Bewunderer nimmt das Gespräch auf, indem er staunt und forscht. Damit ist die Schöpfung zum einen Spiegelung, und zum anderen Dialog, in dem über das Ebenbild in verschiedenen Redweisen gesprochen wird.

Wer diesen Gedanken der jüdischen Weisheitsliteratur, der freilich bereits über das von Spinoza Gesagte hinausgeht, in großer Echtheit in der christlichen Tradition finden will, muss nach Gablitz in Niederösterreich – das ist ein kleiner Ort nahe Wien – blicken. Dort lebte am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts der österreichische Philosoph und Volksschullehrer Ferdinand Ebner, der in seinem faszinierenden Hauptwerk „Das Wort und die geistigen Realitäten“ diesen Gedanken Spinozas mit höchster kritischer Intensität wieder aufnahm, ihn vervollständigte und sogar – aus einer kulturpessimistischen Skepsis heraus – Sündenfälle wieder den Geist des Wortes konstruierte. Er spricht von „Ich-Einsamkeit“, um diese Sündenfälle unter einen einzigen Begriff zu subsumieren.

Das Werk besteht aus insgesamt 18 Fragmenten, im zweiten Fragment mit Titel: „Wort und Persönlichkeit. Ursprung des Wortes. Ich und Du“ sagt Ferdinand Ebner Folgendes:

„Das geistige Leben des Menschen ist mit der Sprache innigst und unlösbar verknüpft und beruht wie eben diese auch auf dem Verhältnis des Ichs zum Du. Von der Tatsache, dass sich das Wort zwischen der >ersten< und >zweiten< Person abspielt, muß jeder Versuch ausgehen, die Sprache in Hinsicht auf ihre geistige Bedeutung zu ergründen. Sie hat in der Aktualität ihres Gesprochenwerdens die Persönlichkeit des Ichs zum Du zur Voraussetzung.“ (Ferdinand Ebner, S.17)

 

In ihrem Aufsatz „Ebner und Buber, Rosenzweig und Ehrenberg“ (in: Gegen den Traum vom Geist. Ferdinand Ebner. Beiträge zum Symposion Gablitz 1981. Brennerstudien Band V, S.97-105) hat die israelische Forscherin Rivka Horwitz zweifelsfrei nachweisen können, wie stark Martin Buber von Ferdinand Ebner beeinflusst ist, so dass hier die ironische Situation vorliegt, dass einer der bedeutendsten jüdischen Denker des zwanzigsten Jahrhunderts einen wesentlichen Gedanken der jüdischen Weisheitsliteratur – dass die Schöpfung sich im dabar zeigt - von einem christlichen Denker zurückerhalten hat: Ich sehe darin ein großes Zeichen der Versöhnung, die von einem intellektuellen Zirkel, dem Innsbrucker Brenner-Kreis, aus möglich wurde, der sich zu allen Zeiten vehement gegen jegliche Form des Antisemitismus wandte. Kein Geringerer als Karl Kraus stand ihm nahe. Ebners Mentor, der Innsbrucker Kulturpublizist Ludwig von Ficker, veröffentlichte nach dem Ersten Weltkrieg Ebners Hauptwerk in seinem Verlag.

Ich glaube nun mit einiger Sicherheit zu wissen, dass Ferdinand Ebner mit meiner Präsentation der Schöpfung als der intellektuellen Liebe Gottes zu sich selbst keinesfalls zufrieden gewesen wäre. Aus seiner Sicht völlig zu Recht! Ich möchte die Gründe im Folgenden darlegen und mich Ebner dann auch anschließen. Ich glaube nämlich selbst nicht an die Lösung Spinozas, möchte aber betonen, dass sie ein wichtiges Problem aufwirft, welches Ebner in seinem Hauptwerk für mich endgültig geklärt hat. Die Antwort Spinozas ist nämlich nicht vollständig. Rekapitulieren wir meine Deutung noch einmal: Zwei Prozesse habe ich erwähnt: Die Spiegelung und den Dialog. In Spinozas Fall ist die Selbstliebe Gottes lediglich eine Selbstspiegelung: Ebner kritisiert gerade diese einseitige Sichtweise radikal. Die wesentliche Dynamik des Wortes ist kein Bild, sondern das Gespräch: Er wirft allen idealistischen Philosophen vor, dass sie in der Spiegelung (Reflexion) stecken geblieben sind, und nennt diesen Zustand Ich-Einsamkeit. Dies trifft ganz besonders auf Platon, auf Fichte und auf Hegel zu. Auch solchen Mystikern wie Meister Eckhard und Jakob Böhme misstraut er zutiefst, denn für ihn finden sie ihre Ruhe in der Abgeschiedenheit. Sie lassen sich von dem Irrglauben verführen, dass man mit Gott über kommunikationslose bzw. sprachlose Spiegelungen in Beziehung treten könne. Für Ebner ist die Schöpfung vielmehr Gottes Wort, das sich auf ein Du hinwendet. Schöpfung darf also, Ebner zufolge, nicht allein als Leitbild aufgefasst werden, in dem man sich in narzisstischer Absicht spiegelt, sondern sie ist vielmehr von zwei Leitworten, vom Ich und Du, bestimmt. Schöpfung ist z.B. der Form nach Freundschaft und Brüderlichkeit, so wie sie auch das franziskanische Ethos fordert. Für Ebner war daher die Zivilisation des endenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts ein zivilisatorisches Gesamtkunstwerk, das in einer mörderischen Ich-Einsamkeit verharrte. Nationalismus, Imperialismus, Faschismus, Stalinismus und Rassismus sind solche Formen der Ich-Einsamkeit. Er sah sich deswegen zu einem radikalen Kulturpessimismus veranlasst. Ich sehe in diesem Gedanken eine tiefe Wahrheit, der auch heute noch – trotz der hoch entwickelten Kommunikations- und Medientechnologien – seine Berechtigung hat. Ich und Du sind also das erste Werk der Unterscheidung. Nicht Spiegelungen retten Menschen vor sich selbst, sondern der Dialog, der auf das Schöpfungswort aufbaut. Das gilt für alle Bereiche des menschlichen und zivilisatorischen Lebens.

Kehren wir von diesen Überlegungen wieder zu folgendem Satz zurück: Das Wort drückt die innere Freundschaft zwischen jenen Dingen und Wirklichkeiten aus, von denen es berichtet. Er bekommt von jetzt an eine radikalere Bedeutung.

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4) Werke

  • "Das Wort und die geistigen Realitäten - Pneumatologische Fragmente" 1921, Hrsg: Herder Verlag, Wien, 1952
  • "Wort und Liebe" 1935
  • "Tagebuch 1916. Fragment aus dem Jahre 1916", hrsg. v. Richard Hörmann und Markus Flatscher, Hamburg u.a.: LIT-Verlag, 2007
  • "Mühlauer Tagebuch: 23.7. - 28.8.1920.", hrsg. v. Richard Hörmann und Monika Seekircher. Wien; Köln; Weimar: Böhlau 2001
  • "Das Wort ist der Weg", Herder Verlag, Wien, 1983
  • "Das Urwort der Sprache", in: Ficker, L: "Der Brenner", 6.Folge, 2.Halbband, Brenner-Verlag, Innsbruck, 1921
  • "Glossen zum Introitus des Johannesevangeliums", in: Ficker, L.: "Der Brenner", 6.Folge, 2.Halbband, Brenner-Verlag, Innsbruck 1921
  • "Schriften I - Fragmente, Aufsätze, Aphorismen", Kösel-Verlag KG, München 1963
  • "Schriften II - Notizen, Tagebücher, Lebenserinnerungen", Kösel-Verlag KG, München, 1963
  • "Schriften III - Briefe", Kösel-Verlag KG, München 1963