Was ist Abklärung? - Die Rückkehr zum Prinzipiellen

Die komplexen Prinzipien des Lebens. Eine Abklärung.

Mit einem Vorwort von Friedrich Cramer

Quelle: Bioethikbuch-Kapitel 1/Nr. 2

Bevor wichtige methodologische Fragen beantwortet werden können, ist es zunächst einmal notwendig, den Begriff Abklärung selbst näher zu bestimmen. Zu diesem Zweck beziehen wir uns auf eine Passage aus Adalbert Stifters Roman „Der Nachsommer“, in der das Wort „Abklärung“ genau in unserem Verständnis vorkommt. Aufmerksam wurde ich auf dieses so wichtige Wort zunächst einmal durch den bedeutenden österreichischen Biologen Rupert Riedl, der mir vor Jahren Folgendes schrieb: „Von Stifter, so sehr ich ihn verehre, kannte ich den Begriff der Abklärung nicht. Er ist auch nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern Gräfin Dönhoff hat nach einem Referat von mir in Rom gemeint, dass ich nicht von einer zweiten Aufklärung, sondern von einer Abklärung rede und ich glaube, sie hat Recht.“ Auch ich möchte den Begriff so verwenden, um mit ihm auszudrücken, dass auf eine Epoche der Aufklärung nicht eine zweite Aufklärung, sondern eine der „Abklärung“ folgen muss. Ich beziehe mich zu diesem Zweck allerdings ausdrücklich auf eine Passage in Adalbert Stifters Roman „Der Nachsommer“ und formuliere folgende These: Fortschritt beruht nicht nur auf grenzenlosem Wissenserwerb, sondern auch auf einer Eingrenzung und Hervorhebung des Wesentlichen und Nachhaltigen in den Bereichen Wissenschaft und Technik. Friedrich Cramer sprach in den 70er Jahren sogar von einem „Fortschritt durch Verzicht“. Was für Wissenschaft und Technik gelten soll, spielt daher auch in der Philosophie eine wichtige Rolle. Sie muss meines Erachtens die theoretischen und ethischen Grundlagen der Abklärung formulieren und als in sich schlüssiges Konzept entwickeln. In diesem Sinne lässt sich dann, und zwar indem man den berühmten Titel Kants umformuliert, die Frage stellen: Was ist Abklärung? In meinem Buch möchte ich diese so wichtige Frage in zahlreichen Abwandlungen stellen und nach einigermaßen brauchbaren Antworten suchen.

Eine weitere wichtige Voraussetzung zu diesem Unternehmen ist die Umformulierung des berühmten kantischen Mottos:„Habe Mut, deinen Verstand zu gebrauchen“. Ich möchte es im Sinne einer Philosophie der Abklärung abändern. Das neue Motto heißt dann: „Habe Mut, deinem Verstand angemessene Grenzen zu setzen“. Denn auf eine Aufklärung darf nicht so ohne weiteres die nächste folgen. Sich ins Unendliche hinein aufzuklären und zu bilden, ist eine gefährliche Form der Unentschlossenheit. Wenn ich Stifter recht verstehe, dann meint auch er, dass wir in der Aufklärung nicht stecken bleiben dürfen, sondern Ziel ist es, zu einer abgeklärten Position zu finden, von der aus einsichtig wird, was „…jenes Neue ist, welches bleiben soll, weil es gut ist…“.Man muss sich also irgendeinmal für eine Richtung entscheiden. Sie ist selbst dann konsequent einzuhalten, wenn sie bloß provisorisch ist. Der postmodernen Beliebigkeit – im Sinne eines strukturlosen Liberalismus – nachzugeben, halte ich, besonders im Zusammenhang mit den Bio- und Medizinwissenschaften, für eine gefährliche Schwäche. In diesem Verständnis ist Abklärung dann auch Einübung in die lebendige Komplexität, die uns an die Möglichkeiten und Grenzen unserer Biotechnologien heranbringt. Die komplexen Prinzipien des Lebens, so wie ich sie verstehe, sind daher nicht bloß als wertfreie akademische „Entdeckungen“ in einem naturphilosophischen Kontext gedacht, die einfach so – vielleicht sogar auf der Basis der Frage „Was man wissen muss“ - in den Fundus der Bildungsgüter eingereiht werden sollen. Sie verstehen sich vielmehr als grundlegende Entscheidungshilfen, um einen persönlichen bzw. öffentlichen Abklärungsprozess in Gang zu setzen. Mir geht es nämlich nicht bloß um unverbindliche ethische „Möglichkeiten“, zu denen man sich verhalten kann, wie man will, sondern auch um die gesellschaftliche Relevanz dieses Anliegens. Abklärung ist daher notwendigerweise Aufklärungskritik, insofern setzt sie ein kritisches Modell der Vergewisserung voraus und fordert eine skeptische und polemische Grundeinstellung. Sie ist damit auch, wie im Folgenden ausführlich zu zeigen sein wird, eine Praxis der Wissenschafts- und Technologiebewertung, die uns ermutigen kann, eine kritische Haltung gegenüber gefährlichen Entwicklungen in den Bio- und Medizinwissenschaften einzunehmen, die auf ausformuliertem Prinzipienwissen beruht. Mit solchen Abklärungen sind in jedem Fall grundlegende ethische Grenzsetzungen verbunden, denn das Wesentliche ist niemals beliebig und Nachhaltigkeit fordert immer Akzentsetzung. Da kritisches Denken ein Teil des menschlichen Lebens ist und Leben überhaupt, wie bereits angedeutet, fraktal organisiert ist, bedeutet eine solche Grenzsetzung damit nicht zwingend Abgeschlossenheit: Auch die stiftersche „Abklärung“ ist daher ein Annäherungsprozess an eine fraktale Grenze, der prinzipiell offen bleibt. Dies bedeutet damit auch, dass „Abklärung“ nicht etwa als Maschinenstürmerei bzw. als Fortschrittsfeindlichkeit verstanden werden darf. Auf der Basis der Abklärungsprozesse wollen wir vielmehr dem Wesentlichen, dem ethisch Vertretbaren auf die Spur kommen, - dies setzt daher wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt voraus.

Wie ein solcher Abklärungsprozess aussehen könnte, beschreibt uns Adalbert Stifter in der unten zitierten Textstelle seines Romans „Der Nachsommer“. Er lässt in der Textstelle den Protagonisten, Freiherr von Risach, über den Stellenwert des wissenschaftlichen Fortschritts sprechen. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass Stifter hier die Globalisierung bzw. die moderne Kommunikationsgesellschaft und die mit ihr verknüpften Probleme vorausahnt. Für unser Anliegen ist freilich die Tatsache wichtiger, dass uns Stifter in seinem Text deutlich machen will, dass jede Aufklärung zuletzt auch nach einer Abklärung verlangt. Das mit dieser Konzeption verknüpfte Wissenschaftsbild ist daher dreiteilig: Vorwissenschaftliche Epoche, Epoche der wissenschaftlichen Revolutionen und der Aufklärung, Zeitalter der „Abklärung“.

Zunächst einmal der Textausschnitt aus „Der Nachsommer“:

„>Wir arbeiten an einem besondern Gewichte der Weltuhr, das den Alten, deren Sinn vorzüglich auf Staatsdinge, auf das Recht und mitunter auf die Kunst ging, noch ziemlich unbekannt war, an den Naturwissenschaften. Wir können jetzt noch nicht ahnen, was die Pflege dieses Gewichtes für einen Einfluß haben wird auf die Umgestaltung der Welt und des Lebens. Wir haben zum Teile die Sätze dieser Wissenschaften noch als totes Eigentum in den Büchern oder Lehrzimmern, zum Teile haben wir sie erst auf die Gewerbe, auf den Handel, auf den Bau von Straßen und ähnlichen Dingen verwendet, wir stehen noch zu sehr in dem Brausen dieses Anfanges, um die Ergebnisse beurteilen zu können, ja wir stehen erst ganz am Anfange des Anfanges. Wie wird es sein, wenn wir mit der Schnelligkeit des Blitzes Nachrichten über die ganze Erde werden verbreiten können, wenn wir selber mit großer Geschwindigkeit und in kurzer Zeit an die verschiedensten Stellen der Erde werden gelangen, und wenn wir mit gleicher Schnelligkeit große Lasten werden befördern können? Werden die Güter der Erde da nicht durch die Möglichkeit des leichten Austauschens gemeinsam werden, daß Allen Alles zugänglich ist? Jetzt kann sich eine kleine Landstadt und ihre Umgebung mit dem, was sie hat, was sie ist und was sie weiß, absperren: bald wird es aber nicht mehr so sein, sie wird in den allgemeinen Verkehr gerissen werden. Dann wird, um der Allberührung genügen zu können, das, was der Geringste wissen und können muß, um Vieles größer sein als jetzt. Die Staaten, die durch Entwicklung des Verstandes und durch Bildung sich dieses Wissen zuerst erwerben, werden an Reichtum, an Macht und Glanz vorausschreiten und die andern sogar in Frage stellen können. Welche Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem ganzen Wesen erlangen? Diese Wirkung ist bei Weitem die wichtigste. Der Kampf in dieser Richtung wird sich fortkämpfen, er ist entstanden, weil neue menschliche Verhältnisse eintraten, das Brausen, von welchem ich sprach, wird noch stärker werden, wie lange es dauern wird, welche Übel entstehen werden, vermag ich nicht zu sagen; aber es wird eine Abklärung folgen, die Übermacht des Stoffes wird vor dem Geiste, der endlich doch siegen wird, eine bloße Macht werden, die er gebraucht, und weil er einen neuen menschlichen Gewinn gemacht hat, wird eine Zeit der Größe kommen, die in der Geschichte noch nicht dagewesen ist. Ich glaube, daß so Stufen nach Stufen in Jahrtausenden erstiegen werden. Wie weit das geht, wie es werden, wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen. Nur das scheint mir sicher, andere Zeiten und andere Fassungen des Lebens werden kommen, wie sehr auch das, was dem Geiste und Körper des Menschen als letzter Grund inne wohnt, beharren mag.<

Wir gingen nun in manches Einzelne dieses Stoffes ein, behandelten es im Fahren und suchten die möglichen Folgen anzugeben. Besonders wurden Zweige der Naturwissenschaften genannt, welche vorzugsweise vorgeschritten waren und Einfluß zu gewinnen schienen, wie die Chemie und andere. Roland war entschieden für Neuerung, wenn sie auch Alles umstürzte, mein Gastfreund und Eustach hegten den Wunsch, daß jenes Neue, welches bleiben soll, weil es gut ist - denn wie vieles Neue ist nicht gut -, nur allgemach Platz finden und ohne zu große Störung sich einbürgern möchte. So ist der Übergang ein längerer, aber er ist ein ruhigerer und seine Folgen sind dauernder.“

 

Stifter unterscheidet drei deutlich voneinander abgrenzbare Stadien der Naturwissenschaftlichkeit, man könnte sie der stifterschen Diktion gemäß die drei „besondern Gewichte der Weltuhr“ bezeichnen: In der Antike gab es Naturwissenschaften in unserem heutigen Verständnis – d.h. Naturwissenschaften, die sich von der Philosophie deutlich abgrenzen lassen – nur in kleinen Ansätzen (so z.B. die ptolemäische Astronomie im zweiten Jahrhundert nach Christus). Von unserem Standpunkt aus gesehen, könnte man die Antike daher als die naturphilosophische Epoche nennen, sie ist Ausdruck des Erstaunens an der Natur. Wissenschaftliche Erkenntnis diente überwiegend der Naturbetrachtung, technologische Konsequenzen wurden – bis auf einige Ausnahmen (z.B. Archimedes) - kaum gezogen. Auch die mittelalterlichen Wissenschaften ähneln nur in einigen, wenigen Facetten den modernen Wissenschaften und Technologien, sie setzen im Wesentlichen antike Traditionen fort; obgleich das Mittelalter bereits eine hoch stehende Technologie kannte, war sie doch kaum oder gar nicht theoretisch fundiert. Noch der Bau der Kuppel des Doms zu Florenz beruhte auf statischen Erfahrungswerten. Eine theoretische Statik war zu dieser Zeit gänzlich unbekannt.

Die zweite wissenschaftliche Epoche ist jene, in der wir selbst noch stehen: Stifter charakterisiert sie mit der Metapher vom „Brausen dieses Anfangs“. Auch wir befinden uns am Ende des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts noch in diesem „Brausen“. Bemerkenswert ist, dass Stifter bereits erkannte, dass wissenschaftliche Revolutionen nicht kontinuierlich verlaufen, sondern periodische Prozesse des Aufwallens, der Gärung – zwischen Normalität und Anomalität - darstellen. Seine Auffassung von der Entwicklung der Wissenschaft ähnelt daher in einigen Facetten den wissenschaftstheoretischen Konzeptionen eines T.S. Kuhn.

Mit Stifter gesprochen, befinden auch wir uns derzeit noch im „Brausen“ so mancher Anfänge, so z.B. in der Dynamik eines Übergangs vom physikalistischen zum biologistischen Zeitalter. Der Paradigmenwechsel zur Genforschung und zur Gentechnologie ist das beste Beispiel für diese These.

Nun müssen sich muszierende Flüssigkeiten gewissermaßen „abklären“, um genießbar zu werden: Stifter sieht in der zweiten Wissenschaftlichkeit zunächst noch die „Übermacht des Stoffes“, er sieht in den einzelnen Erscheinungsformen – wie z.B. in der von ihm vorhergesagten Globalisierung und in der globalen Kommunikation – bloß die Dominanz des Stoffes. Er macht uns auf diese Weise auch deutlich, dass für ihn wegen dieser Dominanz des Stoffes die Nebensache über die Hauptsache dominiert. Dem Forschungsprozess und seinen technologischen Konsequenzen fehlt ja in dieser Konstellation die geistige Dimension. Man muss das Gesagte nur noch ein wenig umformulieren, um mit Stifters Modell die gegenwärtigen Zustände zu erfassen. Zum Beispiel ließe sich fragen: Was nützt uns eine hoch stehende Kommunikations- und Computertechnologie, wenn uns der geistige Gehalt fehlt, auf den hin wir diese Technologien anwenden können? Der Stoff muss sich also „vergeistigen“, damit das Ganze nicht einseitig bleibt.

Anders formuliert: Was nützen alle die Informationen, Datenmengen aus dem Internet, wenn es keine Perspektive gibt, sie praktisch, und das heißt auch: geistvoll anzuwenden?

Wieder anders formuliert: Was nützt uns all die Genforschung, wenn wir bei der praktischen Umsetzung ihrer Resultate zu geistlosen Barbaren werden, im Brausen vordergründiger Erfolge stecken bleiben? Bislang ist das Brausen tatsächlich stets noch stärker geworden, es macht sich auch in der Genforschung deutlich bemerkbar, - und es wäre jetzt längst Zeit, sich die Folgen und Konsequenzen klarzumachen, sie gewissermaßen „abzuklären“ und damit die Übermacht der Prozeduren wieder in die Nähe einer bewertenden Geistigkeit zu bringen. Dies kann freilich nur dann geschehen, wenn der „Geist“ in der Gestalt von kontrollierenden und bewertenden Institutionen hinzutritt, wenn also die „Übermacht“ des Stoffes durch eine Selbstbesinnung der demokratischen Öffentlichkeiten aufgehoben wird und die Zauberlehrlinge ihren Meister finden, der hoffentlich auch noch rechtzeitig ankommen wird. Für Stifter bedeutet dies zugleich, gegenüber den wissenschaftlichen Paradigmen, gegenüber ihren Errungenschaften, aber auch gegenüber den mit ihnen verknüpften Gefahren einen unverbrüchlichen Standpunkt zu finden, den er kurz und bündig „Abklärung“ nennt. Dies hat auch mit Bildung und Kultur zu tun. Hinter diesen beiden Dimensionen des Menschlichen steht nämlich der Anspruch, sich Unbekanntes, ja Gefahrvolles zu erschließen. Bildung ist immer auch Abklärung, die zu den wissenschaftlichen Resultaten hinzukommen muss, damit sie ein menschliches Antlitz erlangen und behalten können.

Bildung ist mit Kultur untrennbar verknüpft, so dass schließlich, zusammenfassend gesagt, Abklärung selbst nur als Kulturtechnik denkbar ist, die freilich unabdingbare Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen das dämonische Brausen des wissenschaftlichen Fortschritts bändigen und in ihre alltägliche Lebenswelt einbetten können.