Schöne Neue Welt – Ware Mensch: Die Vermarktung der menschlichen Fortpflanzung. IVF und Designerbabys – Bioethische Traktate: Ethik als Prinzipienwissen
Text1/Quelle: Bioethikbuch, Teil I/Kap. 3 und 4
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Nehmen
wir an, meine Frau und ich gehen zu einem Reproduktionsmediziner, um ein
In-Vitro-Baby zu „bestellen“: Rührig und geschäftstüchtig wie er nun einmal
ist, dieser hypothetische Mediziner, würde er den Kinderwunsch zu einem
Projekt, zu einer Prozedur herabsetzen, ihn in den Spielraum von Verfahren,
Kautelen und Maßnahmen setzen. Ihm wäre die Frage nach der ethischen
Tiefendimension des Wunsches nach Nachwuchs ein spanisches Dorf. Er würde
demgegenüber die Implantierbarkeit der Frucht überprüfen - er würde dem
„Zellenhaufen“ mit seinen Tests in die genetischen und mikrozellulären
Strukturen schauen: Ihm genügt eindimensionale Brauchbarkeit und
Arbeitstüchtigkeit auf dem Niveau jenes Praktikers, der, um erfolgreich agieren
zu können, vereinfachen muss, - er liefert ja im Grunde eine Dienstleistung. Er
ist daher immer auch Qualitätsmanager und nimmt den Vorgang der Befruchtung und
Einnistung aus dem ihm zugemessenen Milieu heraus und arbeitet wie ein
Handwerker mit den Umrissen der Schwangerschaft. Er quantifiziert das Ereignis,
für ihn beruht es u. a. auf ausgetesteten intakten Chromosomensätzen.
Mich
stimmt es unbehaglich, dass man schon jetzt in Ansätzen von einer
biotechnischen Produktlinie Befruchtung, Schwangerschaft und Geburt
sprechen kann. Diese Vorgänge werden nämlich in der Reproduktionsmedizin
einseitig als Prozeduren gesehen, die man im Sinne einer Dienstleistung
anwendet, deren Ziel die Erfüllung des Kinderwunsches ist. Hoffentlich kommt es
nicht irgendeinmal so weit, dass man die „klassische Schwangerschaft“ überhaupt
aufgibt, damit den ganzen Komplex den Reproduktionsmedizinern und Biotechnikern
überlässt und Sexualität nur noch als Freizeitbeschäftigung begreift, so wie
dies Aldous Huxley in „Brave New World“ beschreibt. Dürfen Ärzte als Eugeniker auftreten?
Ist das Ganze der IVF-Medizin nicht auch eine untragbare Kommerzialisierung der
menschlichen Keimbahn? Und sind nicht zuletzt jene Aspekte der Genforschung und
der Biogenetik, die das wissenschaftliche Voraussetzungssystem der IVF-Medizin
bilden, mit eine Ursache dafür, dass in unserer Gesellschaft bereits immer
stärker der Trend sichtbar wird, der natürlichen Sorgfalt in überzogener Weise
zu misstrauen und sich unkritisch der technologischen Medizin zu überlassen?
Kinderlosigkeit und Schwangerschaft werden dann, salopp gesprochen, nur noch
als Krankheiten verstanden. Das sind alles schwer wiegende Fragen, die sich die
IVF-Medizin und verwandte Sparten gefallen lassen müssen, denn sie betreffen ja
direkt die Grundlagen menschlichen Lebens und damit auch das Bild vom
Menschen. Dem Prinzip der Sorgfalt zu misstrauen, ist nämlich für mich ein
schwerer Vorwurf der Natur gegenüber, der sich meines Erachtens nicht mit jenem
Wissen erhärten lässt, welches die Reproduktionsmedizin derzeit besitzt. Dies
wird im Folgenden noch näher zu zeigen sein. Vieles ist in diesen
Verdächtigungen eher noch Alchemie, die auf allzu spezifischem Expertenwissen,
Reduktionismus und einseitiger Linearisierung der Biodynamik beruht.
Die
Einstellung dieser modernen Alchemisten erzeugt darüber hinaus diffuse Licht-
und Schattenseiten, von ihnen her ist meines Erachtens ein prinzipieller Zugang
zur lebendigen Komplexität nur sehr schwer möglich, denn Alchemie ist immer
auch Ausdruck des Halbwissens und motiviert zur bewusst inszenierten
Verunsicherung: Es gibt für mich derzeit keine stichhaltigen Gründe, im
Natürlichsten der Welt, seiner Vieldeutigkeit, Komplexität und Vielfalt
wegen, nur ein Gefahrenpotenzial
zu sehen, so dass uns nur andauernde Beobachtung und Gentests, und wenn nötig
Abtreibungen nachhaltige Sicherheit verschaffen können. Alle Heilmethoden, die
wir derzeit kennen, so muss man dem entgegenhalten, schöpfen ja auch aus dem
rettenden Potenzial, das uns dieselbe Natur anbietet. Für mich ist allerdings
die IVF-Medizin nicht gerade ein typisches Beispiel für eine anzustrebende Bionic-Medizin.
Von
den oben angesprochenen, einseitigen Verdächtigungen her erklärt sich z.B. die
Aufdringlichkeit so mancher Reproduktionsmediziner und Gynäkologen der
schwangeren Frau gegenüber: Gewiss ist die Gefahr da - und ihr muss
gegebenenfalls mit allen ethisch einwandfreien Mitteln begegnet
werden -, doch in erster Linie ist Schwangerschaft ein kontinuierlicher
Verlauf, der in allen Entwicklungen und Symptomatiken der werdenden Mutter unmittelbar
gewiss ist, andernfalls wären wir längst ausgestorben. Im Zentrum sollte also die Freude am Leben und der Mut zu
Überraschungen stehen, und vor allem auch die Liebe zu dem, was das kommen
wird, - zu seinen Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten. Hier hat die moderne
Medizin im Großen und Ganzen Zurückhaltung zu üben und kann nicht den
entscheidenden Rat geben. Hier suchen wir Belehrung beim Leben selbst und bei
seinen einzigartigen und unnachahmlichen Ereignissen.
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Dass
sich nun Mutter und Vater am Kind freuen, weil eben diese Freude die spontane
Reaktion auf werdendes Leben ist – und nicht etwa die technologische
Gewissheit, dass es gesund ist, - wird plötzlich in der postmodernen
Zivilisation fragwürdig, das Ganze der Fortpflanzung somit in den Verdacht der
Unvollkommenheit und Überwachungsbedürftigkeit gerückt. Vom Standpunkt des
Genetikers hat das werdende Leben seine Unschuld verloren. Es ist aber auch den
Verdächtigungen einer morbiden Spaßgesellschaft ausgesetzt, die bereits
Tendenzen einer spätantiken Lebensmüdigkeit zeigt: Plötzlich werden natürliche
Phänomene wie Vererbung, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt verdächtigt, sogar
das Böse, das Störende und das Konfliktpotential schlechthin zu sein. Zum einen
gilt dies in der postmodernen Zivilisation, und zum anderen auch in ihren Bio-
und Medizinwissenschaften. Vielen ist die franziskanische Freude an der Kreatur
längst unerträglich, ja ennuyierend geworden. Sie wollen nicht mehr in
Gelassenheit leben. Sie wollen vielmehr das vom Leben besitzen, was
nicht Besitz sein darf und finden das, was sie eigentlich tun sollten,
langweilig und abstoßend.
Die
Identität und Einheit des Lebens zerfällt nämlich unter dem Mikroskop des
Reproduktionsmediziners in einen analytischen Scherbenhaufen. Die Liebe der
Eltern zu ihrem Nachwuchs gerät in den Bann von simplifizierenden
Entscheidungen, die ihrerseits auf willkürlich vorgegebenen Qualitätsstandards
beruhen, betrachtet man das ganze Geschehen vom Blickwinkel des Pränatal- bzw.
des Präimplantationsdiagnostikers. Für die Reproduktionsmedizin gibt es
Zwischenstationen einer Schwangerschaft, die im normalen Verlauf nur
ausnahmsweise eine Rolle spielen. Jetzt kommt ihnen aber immer größere
Bedeutung zu: Hormonpräparate, biegsame Katheter, Pipetten, Kühlschränke,
Tests, Objektträger und Brutkästen. Eine technologische Vereinnahmung größten
Stils ist also im Gange: Die Mütter werden zu Züchtungsobjekten, mit Hormonen
voll gepumpt: Die Väter geben ihren Samen über die Masturbation vor
Pornozeitschriften in Petrischalen ab. Alles wird gekühlt, wo doch
authentisches Leben eigentlich Wärme und Geborgenheit ist. Der Vater ist nicht
mehr Vater im eigentlichen Sinn des Wortes, sondern „Samenspender“. Die Mutter
ist ein Zwischensegment medizinischer Prozeduren, die nichts mit Mütterlichkeit
zu tun haben. Alles in allem ist das Ganze abstoßend und primitiv.
Fortpflanzung zeigt sich uns plötzlich als zweiseitiger technologischer Prozess
zwischen dem Guten technisch machbarer Befruchtung und dem Bösen traumatisch
erlittener Kinderlosigkeit, zwischen der Funktion des Arztes als Helfer und
seiner Funktion als Qualitätsmanager. Vieles wird reduziert auf die
medizinisch-technische Kontrolle von Chromosomen, auf die Prognose der Verwert-
bzw. Nichtverwertbarkeit eines Embryos, der, überspitzt formuliert, zum
Chromosomensystem zusammenschrumpft. Dies geschieht mit Hilfe von
standardisierten Tests, von denen in erster Linie die pharmazeutische Industrie
profitiert.
Ist
so viel geschäftstüchtiger Pragmatismus denn nicht zuletzt im höchsten Maße
fragwürdig? Wie allen Technologen fehlt dem Reproduktionsmediziner vermutlich
die anschauliche Dichte dessen, was er reproduziert: Er spürt nicht Fleisch und
Blut, sondern er sieht genetische Umrisse, Prozeduren und Prozesse. Der
Reproduktionsmediziner beschäftigt sich, um
hier Goethes Metapher zu verwenden, mit einem Homunculus in der Phiole.
Für ihn ist der Embryo ein Objekt auf einem Objektträger, ein linear
strukturiertes Befruchtungsszenario, eine Verfärbung auf dem Test-Kit.
Nun
kommt noch hinzu, dass eine Mehrheit diese Prozeduren gar nicht als das
ansieht, was sie tatsächlich sind: Eine völlig neue Spielart der
technologischen Vereinnahmung des Menschen, Hand in Hand mit einem neuen Züchtertum.
Sie mahnen vielmehr die Kritiker zur Mäßigung und sprechen den Wissenschaftlern
ihr Vertrauen aus, sehen in ihnen die Helfer und Retter; sie wollen nicht
gleich das Schlimmste befürchten und noch im Guten annehmen, dass hinter den
Anstrengungen der Biogenetik und der Reproduktionsmedizin gute und aufrichtige
Absichten stehen; doch sie verkennen in ihrer Blauäugigkeit den
wissenschaftlichen Nihilismus, den die Bioforschung insgesamt bereits erreicht
hat, und der sich z.B. darin manifestiert, dass der „Entschlüssler“ des
menschlichen Genoms, Craig Venter, dem Philosophen Peter Sloterdijk gegenüber
in einem Interview (FAZ, 13.2.2001) erklärte, er habe das Projekt unter anderem
durchgeführt, „um sich ein größeres Segelboot“ kaufen zu können; so möchte ich
wohl manche meiner gemäßigten Leser vor Blindheit diesen gefährlichen
Entwicklungen gegenüber warnen und zur Wachsamkeit und Feinfühligkeit gegenüber
der sich anbahnenden Verrohung und Verdummung aufrufen. Wir sollten in das
Stadium der Furcht vor den unabsehbaren Folgen solchen „wertfreien Handelns“ eintreten
und uns bewusst werden, dass den Bio- und Medizinwissenschaften und sonst noch
einigen medizinischen Disziplinen von einer demokratischen Öffentlichkeit
Grenzen, - was die Sorgfalt und die Ehrfurcht dem Leben gegenüber betrifft -
auferlegt werden müssen. Für unser Anliegen bedeutet dies, dass wir den
eigentlichen und wesentlichen Prinzipien des Lebens nachforschen müssen, um
hier kritisch Widerpart leisten zu können.
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Es
kann also nicht oft genug wiederholt werden: Das Pränatale und sein komplexes
Umfeld dürfen nicht zum Spielball von skrupellosen Forschern und Vermarktern
werden. Der Embryo ist kein zu verbrauchender Gegenstand.
So
manche Befürworter einer grenzenlosen und wertfreien Reproduktionsmedizin sehen
es nämlich gar nicht so schlecht an, dass der Embryo schon im
Reproduktionsstadium unsere Leistungsgesellschaft kennen lernt und so manche
chromosomale Hürde nehmen muss: Dass er diese Hürde ohne größere Probleme
nimmt, daran zweifelt doch niemand im Ernst. Doch stellt sich dann sofort die Frage,
was wir ihm später erzählen werden, wenn er zum Mitmenschen geworden, begreift,
unter welchen Umständen er entstanden ist. Er ist ja, streng genommen, nicht
gezeugt: Er ist bestellt, er ist gemacht, geprüft und für lebenstauglich
befunden: Kurz gesagt, er ist im Sinne einer guten medizinischen Dienstleistung
brauchbar und optimal ausgewählt!
Sofort
stellt sich auch die Frage: Selektiert Liebe? Oder selektieren nicht vielmehr
die Macher, die die Fülle des Menschlichen - die Schwächen und die Stärken der
Kreatur – zum genormten Mustermenschen zusammenstutzen, die möglicherweise
sogar Menschen zu Alphas, Betas, ... Epsilons machen wollen, so wie sie uns
Aldous Huxley in seinem Roman „Schöne neue Welt“ als eine utopische
Horrorvision vorführt (Dazu vgl. auch meine Kritik an Dean Heamers Konzept vom
„Wunschkind aus dem Genbaukasten“ am Schluss des vierten Abschnittes
meines Buches). Müssen denn unsere Nachkommen in ferner Zukunft ihren Nachwuchs
von halbgebildeten Genetikern auf dem Niveau von mittelalterlichen Alchemisten normieren
lassen? Worin gründet dieses eklatante Misstrauen an der Natur? Ist sie diesen
Menschen nicht mehr sorgfältig genug? Was wird ein junger Mensch antworten,
wenn er zur Kenntnis nehmen muss, dass er nach erfolgter Pränataldiagnose
ausgeschieden worden wäre, wenn er beispielsweise im 21. Chromosom einen Defekt
gehabt hätte. Was wird er sagen, wenn er erfährt, dass man ihn nur als
vollkommen Gesunden akzeptieren will und ihn - hätte er irgendwelche Mängel
gehabt - skrupellos „weggemacht“ hätte. Welche Lebenslüge müsste man gegen die
nackten Tatsachen dieser skrupellosen Unmenschlichkeit stellen?
Im
Zusammenhang mit den Machenschaften der Reproduktionsmedizin verschwimmen
Schritt für Schritt wesentliche Facetten eines einzufordernden Humanismus. Die
pränatale Diagnostik ist im strengen Sinne des Wortes Selektion im Labor. Wir
sollten hier viel genauer hinsehen. Doch es scheint zur Tatsache zu werden,
dass jene Gesellschaft, die bislang vor allen Formen der Selektion berechtigte
Abscheu zeigte, sie in der Petri-Schale ohne größeres Mitgefühl und fast ohne
Betroffenheit zulässt. Ein Grund ist wohl, dass sie hier in mikroskopischen
Dimensionen vonstatten geht. Einen Menschen leben zu lassen, reduziert sich
häufig nur noch auf den Blick des Eugenikers in die genetischen Muster des
Embryos, die unendliche Fülle menschlicher Geschichten verschwindet im
technologischen Mainstream. Übrig bleibt ein ausgetrocknetes Rinnsal der
Biotechnologie: Zeugen wird zum Gene-Engeneering; Goethes schöner und tief
erotischer Gedanke von „der Zeugung kühlen Nächte“ verschwindet. Zeugung,
Schwangerschaft und Geburt werden zu Prozeduren, die in Labors, Ambulanzen und
Stationen abgewickelt werden, denen zahlreiche Planungs- und
Mängelvermeidungssitzungen vorausgehen, die unter dem Motto „Vertrauen ist gut,
Kontrolle ist besser“ durchgeführt werden. Brauchbarkeits- und
Verwerterideologien werden plötzlich wichtig. Am genetischen Reißbrett entsteht
das Benützerprofil, das Eltern sich wünschen; den idealen Fußballspieler, den
guten Mathematiker, den effizientesten Körper für die große Karriere: alles
muss projektiert und entwickelt werden.
Es
gibt nun Gynäkologen, die sogar, vermutlich ziemlich gedankenlos, in
prozeduralen Parallelwelten leben: Im Raum A der Praxis wird die Leibesfrucht
abgetrieben, im Raum B daneben In-vitro-fertilisiert. Die Reduktion des Lebens
auf Prozeduren ist die Ursache dieser erschreckenden Verengung. Medizinisches
Handeln wird zur Fensterlosigkeit und zum Ausdruck einer Prinzipienlosigkeit,
die von ärztlichen Dienstleistern vollzogen wird, für die Abtreibung und
Befruchtung bloß medizinisch-technische Vorgänge sind, die sie routiniert
vornehmen und für die sie von Klienten bezahlt werden. Diese Ignoranz ist eine notwendige
Folge der außermoralischen Position medizinischen Handelns im wertfreien Raum
des Machertums. Auch der medizinischen Forschung entgleitet immer häufiger das
Wesentliche, auch sie erstickt in Brauchbarkeitsideologien. Einige
Genwissenschaftler vergessen in ihrem Treiben, dass gewöhnlich personale
Spontaneität und nicht die Pipette das neue Leben zeugt. Sie übersehen, dass
hier - im Sinne des chaostheoretischen Ansatzes - ein sich plötzlich
entfaltendes Geschehen vorliegt, das zu komplexen und vor allem auch spontanen
Ordnungen führt. Wir haben es, um mit einem Konzept von Ilya Prigogine zu
sprechen, hier mit aktivem Chaos zu tun. Viele körperlichen Merkmale,
aber auch einige psychische Dispositionen der Eltern, werden nicht etwa über
lineare Prozesse der genetischen Addition und Akkumulation an das werdende
Leben weitergegeben, auf die man im Rahmen eines medizinisch-technischen
ausgelegten Genbaukastens (Dean Hamer) zurückgreifen kann. Dies
geschieht vielmehr über eine Explosion. Sie gleicht einem genetischen Urknall,
der allen Linearisierungen und langweiligen Vereinfachungen grundsätzlich
widerspricht. Leben entsteht in seiner Fülle wie ein Universum, und in seinen
Umrissen wie das Apfelmännchen. Plötzlich entspringen fraktale Ordnungen dem
zusammengeballten Attraktor der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, es gibt
in der Genese der Lebewesen chaotische Übergänge, Bifurkationen, die sich in
die Helix blitzartig einprägen. Reißverschlüsse werden aufgerissen und wieder
zugezogen. Wir stehen hier vor dem bestgehüteten Geheimnis der Natur.
Schlagartig werden Makromoleküle kopiert und hochkomplexe Substanzen zerbersten
in nichtlinearen Wellenzügen. Was könnte da der Genforscher mit seiner
Laborausstattung ausrichten? Er blickt möglicherweise nur auf Schattenrisse.
Besonders
schlimm ist auch, dass an das Werden des Menschen wieder eindimensionale
Qualitätsmaßstäbe angelegt werden, dass inzwischen wieder – freilich verdeckt –
gezüchtet und Eugenik, jetzt sogar als medizinische Dienstleistung auf
Krankenschein, getrieben wird. Diese Tendenz richtet sich gegen die Offenheit
und gegen die individuelle Fülle des Lebens. Sie ist bereits eine ziemlich
unerträgliche Form der Eindimensionalität.
Text
2/Quelle:
Bioethikbuch/Teil IV: Wie wir wissen sollen – Ein Überblick/Nr.2
2
Ethik als Abklärung. Wege zum
Prinzipienwissen
Adam,
Eva, Kain und Abel sind also die Ersten einer ganz neuen Entwicklungsform der
lebendigen Komplexität, die sich als Entwicklung der Kognition manifestiert:
Ihre ersten Schritte durch die Steppe Afrikas, neuesten Theorien zufolge, haben
damit auch eine ganz neue Dimension in der Natur geöffnet; mit ihr tritt der
zentrierte Wille aus dem vegetativen Leben heraus und festigt sich zum Subjekt,
übernimmt in Teilen die Herrschaft über die ihm mitgeteilten Kräfte und
Möglichkeiten des individuellen Lebens. Er entfaltet kulturelle und
technologische Räume. Überwindet durch sein Agieren die Wildnis. Er spaltet
sich auf der Basis der lebendigen Individualität von der übrigen Welt ab und
entwickelt pragmatische, ästhetische und ethische Vorstellungen von den
Objekten und Strukturen dieser Welt. Dies ist sogar ein wesentliches
Thema früher Mythen: So kann man die „Listigkeit“ des Odysseus als einen
Ausdruck der Entdeckung der planenden Vernunft erkennen, die den Menschen
endgültig zum Homo Faber machte. Er trat damit in eine neue, kritische Phase
der sich bereits über die Jahrmillionen hinweg erstreckenden schöpferischen
Entwicklung ein, die wir als die Phase der mentalen bzw. kognitiven Entwicklung
bezeichnen wollen. Die List, als ein Ausdruck dieser Phase, ist eine
überaus erfolgreiche Methode in der Praxis, sie beruht auf dem reflektierenden
Nachsinnen und auf der Verallgemeinerung und spontanen Variation von
erfolgreichen Strategien, sie begründet die Überlegenheit des Menschen über alle
anderen Lebensformen. Man könnte hier beliebig viele entwicklungsgeschichtliche
Schritte angeben, freilich: Die wesentliche Zielrichtung der
Menschwerdung bzw. ihre wesentliche Intention zeigt sich, insgesamt gesehen, in
der Ausrichtung auf Welt 3. Hier fand und findet auch eine Auslagerung von
Know-how in ein immaterielles technologisches und wissenschaftliches Gedächtnis
statt, an dem man mihilfe des Gehirns partizipieren kann. Der Mensch will also,
um mit Descartes zu sprechen, durch seine überlistende Vernunft Meister und
Besitzer der Natur werden, dies setzt die Erhellung und Durchdringung von jener
Welt 3 voraus, die die intellektuellen Potentiale und Kapazitäten des Menschen
enthält, mit ihnen virtualisiert er die Realitäten der Welt 2 und der Welt 1
und erschafft sie neu nach seinen Vorstellungen. Freilich muss er der Natur
auch gehorchen, um erfolgreich sein zu können.
Das
Bewusstsein des Menschen zeigt sich also – wie jede andere Erscheinung des
Lebens auch – als eine Stufe der lebendigen Komplexität, deren
wesentliche Prinzipien wir im Folgenden diskutieren wollen, um zuletzt auch
bioethische Schlussfolgerungen zu ziehen, deren Ziel es wiederum ist,
Möglichkeiten und Grenzen der Orientierung in jenen brennenden Fragen
darzulegen, die unsere bioethisch so bewegte Zeit aufwirft, wenn sie wieder
über Menschenparks sinniert und sich langsam wieder neuen, diesmal freilich
abstrakteren, und vor allem auch biowissenschaftlich verhüllten Formen des
Rassismus und des Züchtertums annähert.
Als
zentraler und komplexer Ausdruck des menschlichen Lebens ist das Bewusstsein,
und zwar als reflexiv gewordener Ausdruck der lebendigen Individualität, einer
ununterbrochenen Entwicklung unterworfen, - sie zeigt sich als die Geschichte
der menschlichen Erkenntnis, die möglicherweise schon vor ca. sechs Millionen
Jahren als eigenständige Strömung aus der allgemeinen Morphogenese des Lebens
hervorgetreten ist. Dieses Hervortreten bringt völlig neue und vor allem auch besondere
und völlig einzigartige Strukturdynamiken in die Biosphäre; menschliches
Leben zeigt sich nämlich als eine besonders komplexe Form des individuellen
Lebens, es ist in seiner schöpferischen Entwicklung prinzipiengeleitet und ist
ein Ereignis, welches sich in einer verwickelten Spiralbewegung sofort von
allen übrigen Strömungen abgehoben hat und daher zuletzt zur alles
beherrschenden Lebensform wurde. Eine Voraussetzung ist hier das Grundlagen-
oder Prinzipienwissen. Es ermöglicht die unerhörte Überlegenheit des
Menschen. Dies zeigt sich besonders deutlich in der bedeutsamen, ja immensen
Distanz zu den nächst verwandten Primaten und deren intellektuellen
Möglichkeiten.
Wir
kennzeichnen diesen sich abhebenden, rückgekoppelten Einfluss des
Prinzipienwissens in die Biosphäre durch unser zuvor besprochenes Konzept der
„lebendigen Individualität“, - sie ist das stärkste Charakteristikum des
menschlichen Bewusstseins und typisch für den Menschen als eine Lebensform, die
nun am Ende einer langen Entwicklung ihrer selbst als Techniker,
Wissenschaftler und Manager inne geworden ist, die also die „Augen der
Wissenschaft und der technologischen Entwicklung aufgeschlagen hat“ und sie
hoffentlich auch in Zukunft kritisch und um Sorgfalt bemüht offen halten wird.
Die Wissenschaften und Techniken gehören daher zum Menschen wie der aufrechte
Gang – gewissermaßen als die „verlängerten Arme“ seines Bewusstseins.
Diese
Ausdrucksformen des Bewusstseins und die ihnen entsprechenden Potentiale
definieren daher auch den Spielraum des Menschen in der Biosphäre: Es gibt –
neben vielen weniger wichtigen - vier wesentliche Potentiale, die seit
Jahrmillionen menschlicher Entwicklung in der Biosphäre wachsenden Einfluss
gewinnen. Sie sind die Bauelemente einer objektiv gehaltenen humanistischen
Einstellung: Die Sensibilität des Menschen, sein Denken, seine Sprache
und die besonders komplexe Sozialstruktur, die sich beim Menschen zeigt.
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Unsere
Absicht, im Folgenden wichtige prinzipielle Leitlinien dieser
Entwicklung zu interpretieren und im ethischen Interesse hervorzuheben, setzt
daher zunächst einmal einige grundlegende Erklärungen und Annahmen voraus, die
das Erkenntnisinteresse, das hier verfolgt werden soll, näher eingrenzen
sollen. Es kann ja nicht unser Ziel sein, Paläoanthropologie,
Entwicklungsbiologie oder Entwicklungsgeschichte der Kognition zu treiben: Dies
ist vielmehr Aufgabe einer Grundlagenforschung, die uns auf Formen des
Grundlagenwissens führt, die hier – wenigstens
in einigen Facetten – bereits als gegeben vorausgesetzt werden müssen,
was freilich nicht ohne kritische Würdigung erfolgen soll.
Der
oben angesprochene Terminus Grundlagenwissen ist also, kurz gesagt, das
Voraussetzungssystem zu einer kritisch bewertenden Wissenschaftlichkeit,
die als selbständiges Paradigma existieren kann, und die uns u. a. auf wichtige
ethische Prinzipien hinführt. Diese Prinzipien definieren und regeln dann die
Möglichkeiten und die Grenzen des Umgangs mit der lebendigen Individualität,
sie sind die Voraussetzungen zu einer „Abklärung“ im stifterschen Sinn des
Wortes, wie am Beginn unseres Buches im Überblick bereits genauer dargelegt:
Wir fassen diese fundamentalen Einsichten, die uns den Zugang zu einer neuen
Form des Humanismus ermöglichen, unter dem Begriff Prinzipien einer
lebendigen Menschlichkeit zusammen. Jene Leitlinien und Leitbilder, die uns
auf dieses Ziel und auf seine moralisch-ethischen Perspektiven hinführen
können, wollen wir dann folgerichtig „Prinzipienwissen“ nennen. Noch
näher eingegrenzt, zeigt uns dieses Wissen Zugänge zu prinzipiellen
Erkenntnissen über die Beziehungen zwischen individuellem Leben und lebendiger
Individualität, so wie sie der Mensch als Lebewesen und Teil der Biosphäre
verkörpert und in seinem Handeln aktiv ausdrückt. Ein gutes Beispiel ist der
Begriff „Heilung“.
Beim
Prinzipienwissen handelt es sich auch, wie jetzt schon einsichtig sein dürfte,
um eine Spielart der Kritik, die in zahlreichen Facetten dem kantischen Projekt
einer Vernunftkritik gleicht. Auch das Prinzipienwissen ist ja kritisch in dem
Sinne, dass es zeigt, welche Prinzipien dem Leben überhaupt und dem
menschlichen Leben im Besonderen zuerkannt werden müssen: In unserem Versuch,
ein Ethos von Welt 4 zu konzipieren, ist dieser Anspruch bereits mit
inbegriffen, und zwar als eine wesentliche Voraussetzung, die besagt, dass auch
das ethische Wissen um die lebendige Komplexität selbst ein wesentlicher Teil
dieser Komplexität ist. Prinzipienwissen kann daher nur durch kritische
Einübung in die „Tugenden“ des Lebens erreicht werden; es ist, so verstanden,
eingrenzendes und fokussierendes Wissen, das auf Grundlagenforschungen beruht,
die von Einzeldisziplinen zu leisten sind.
Drei
Formen von Wissen sind, wie im Folgenden noch näher zu zeigen
sein wird, notwendig, um zu einer prinzipiengeleiteten Bioethik zu gelangen.
Abschließend dazu ein Überblick: Voraussetzung ist, erstens, ein weitgehend abgesichertes
Grundlagenwissen über die Beschaffenheit und die wichtigsten Entwicklungen in
der Biosphäre; dieses Wissen ist in erster Linie Faktenwissen und ergibt sich
aus der einschlägigen Grundlagenforschung, die in unserem Zusammenhang von
einigen Biowissenschaften getragen und geleistet wird. Es handelt sich dabei um
reines Tatsachenwissen, das Ordnungen der Welt 1 mit solchen in Welt 3
verknüpft. Als System von biowissenschaftlichen Erkenntnissen wird es daher
vorausgesetzt. Dieses Wissen muss allerdings – im Sinne einer Abklärung – zuvor
strukturiert und in systematische Zusammenhänge eingebettet werden, die seinen
ethischen Stellenwert verdeutlichen können. Die Fakten müssen zu solchen
Prinzipien „erweitert“ werden, die Anknüpfungspunkte zur ethischen Diskussion
möglich machen; erst dann kann von einer Abklärung in unserem Sinne gesprochen
werden. Wirklich ethisch wird
dieser Zusammenhang allerdings erst dann, wenn man auch die Perspektive mit
einbezieht, von der her sich Faktenwissen zu prinzipiellem Wissen
transformieren lässt. Diese
Perspektive möchte ich Humanismus bezeichnen. Die empirische Erkenntnis
ist gewissermaßen der Startpunkt, die Einsicht in die Prinzipien eröffnet die
Perspektive der lebendigen Menschlichkeit, von daher soll insgesamt bioethische
Orientierung – als Know-how eines neuen Humanismus - möglich werden. Dazwischen
liegt eine kritische Transformation, die aus einer Reihe von Bewertungen und
Einschätzungen hervorgeht. Im Bereich der Grundlagenforschung kann also
bewertende Kritik im Sinne eines kritischen Prinzipienwissens noch nicht
ernsthaft vollzogen werden, dies ist vielmehr die Aufgabe der Biohermeneutik.
Erst die biohermeneutische Betrachtungsweise erhebt sich nämlich über die oft
zusammenhangslosen Bestandstücke des Grundlagenwissens, indem sie jene
Betrachtungsweisen an die Problemstellungen heranführt, die es gestatten, unser
Wissen in einen ethischen Standpunkt zu verwandeln. Denn alles, was in
irgendeiner Weise in individuellen Zusammenhängen auftritt, ist der Deutung
bedürftig.
Der Forschungsstand gewisser
Biowissenschaften muss als „Vorverständnis“ vorausgesetzt werden. Denn
Biowissenschaften sind nämlich nicht automatisch die Impulsgeber der Bioethik,
das Entscheidende ist die ethische Perspektive. Auf dem Kurzschluss
Biowissenschaft = Bioethik beruht so manche Unvorsichtigkeit in Hinsicht auf
die Einschätzung von medizinischen und biowissenschaftlichen Projekten, die
sich bei genauerem Hinsehen als Tendenzen zu einer neuen Barbarei erweisen. So
maßen sich Biowissenschaftler an, von rein biologischen Fakten her, angeben zu
können, wann menschliches Leben beginnt. Der Beginn des Lebens ist freilich
nicht bloß ein biowissenschaftliches Problem. Solche Kurzschlüsse führen dann
häufig zu akademischen Ideologien, die nur Interessensstandpunkte widerspiegeln
und nicht etwa eine Wertordnung, die der lebendigen Komplexität angemessen ist.
Die Bioethik ist, daher
zusammenfassend gesagt, die Geschichte des Aufstiegs
von den Ordnungen des Lebens zu seinen Prinzipien.


