Das Prinzip Schöpfung – Ein Leitbild

Text1/Quelle: Freundschaft oder die Welt des Glücklichen, Einleitung: Das Schöpfungsbuch. Zum Geleit

 

Das Prinzip Schöpfung

Wir lesen in Wittgensteins Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1916 bis 1917 folgenden bemerkenswerten Satz: „An einen Gott glauben heißt sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist. […].

Für mich spricht dieser Gedanke, der sich übrigens auch auf die Schöpfung anwenden lässt, das faszinierende und in jeder Hinsicht „realistische“ Geheimnis an, dass die Tatsachenwelt, die wir bewohnen, nur den Innenraum eines Ganzen bildet.

Als Bewohner dieses Raumes sind wir außerdem im Bilde, dass unser Wissen nicht die ganze Wahrheit ist und sind deswegen gezwungen, vernünftigerweise anzunehmen, dass wir nur unvollkommener Teil einer Vollkommenheit sind, die uns bei weitem übersteigt. Sie verweist auf einen Schöpfer. Man kann daher statt dem Wort „Gott“ in Wittgensteins Satz sinngemäß auch das Wort „Schöpfer“ einsetzen, dieser Austausch ist das zentrale Thema in meinem Geleitwort.

1.1

So betrachtet, wird sofort deutlich, dass die alltägliche Welt und die Natur in ein Schöpfungsmysterium hineingestellt sind. Dieser Befund hilft uns auch einzusehen, dass die in den Bio- und Sozialwissenschaften weitverbreitete Behauptung, es gäbe Selbstschöpfung ohne Bezug zu einem Schöpfergott im Grunde bloß eine Ausrede, ja eine unzulässige Vereinfachung ist. Deswegen ist es meines Erachtens exakter und aufrichtiger, mit Blick auf die natürlichen Kreisläufe nur von Selbstorganisation zu sprechen. Sich selbst organisierende Prozesse (z.B. die Entwicklung des Lebens) sind unablässig in Bewegung und lassen sich, wenigstens in unmittelbarer Erfahrung, auf keinen Anfang zurückverfolgen, sie zeigen sich häufig sogar als spontane Ordnungen, die wie aus einem Nichts emporsteigen und dann in Zyklen unablässig kreisen. Mit der Frage nach ihrem Herkommen berühren wir eine Zone der Unschärfe, die uns sogar die alltägliche Welt zu einem großen Mysterium werden lässt.

All das ereignet sich in einer Tatsachenwelt, die in sich abgeschlossen erscheint und die, folgt man der wissenschaftlichen Weltauffassung, zur Gänze dem Prinzip der Immanenz unterliegt. Anders formuliert, bedeutet dies: Es scheint vordergründig so zu sein, dass sich die uns zugängliche Welt nur in Tatsachen zeigen kann, die unter naturgesetzlichen oder natürlichen Bedingungen stehen. Zu ihnen gehört augenscheinlich auch die vermeintliche Selbstschöpfung. Mit ihr erhebt sich aber ein erster Einspruch gegen den trügerischen und ernüchternden Eindruck, dass sich die uns umgebende Wirklichkeit allein aus der immanenten Naturgesetzlichkeit erschöpfend erfassen und beschreiben lasse. Bei genauerem und kritischem Hinsehen erkennt man nämlich, dass uns gerade das Phänomen der Selbstorganisation an eine seltsame Grenze bringt: Etwas entsteht spontan, also scheinbar ohne Grund und lässt sich vor allem auch nicht vorhersagen und ist doch alltäglich. „Grundlose“ Spontaneität war schon immer und ist auch heute noch eine unerhörte Herausforderung für das „klassische“ Naturverständnis und ein Ärgernis für das alltägliche Denken und Fühlen. Im Wirkraum solcher seltsamen Ereignisse berühren wir daher das Prinzip Schöpfung ganz intensiv und unausweichlich, uns wird bewusst,…dass es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist.

Die zahllosen Wunder des Kosmos führen uns dann zur kritischen Einsicht, dass die naturalistische Sicht nicht die ganze Wahrheit sein kann. In dieser Grenzerfahrung wird deutlich, dass alle wesentlichen Naturprozesse auch auf der Basis von Einstellungen und Abstimmungen in Funktion sind, die auf ein Außen, d.h. auf ein Exterieur verweisen.

Diese Ausgriffe aus der Tatsachenwelt möchte ich transzendental nennen. Sie eröffnen uns eine schöpferische Dimension der Natur, die selbst nicht in der Natur begründet ist. Diese „Grundlosigkeit“ erstaunt uns, denn sie erscheint jedem redlichen Menschen zutiefst rätselhaft und ist doch, wohin wir auch blicken, Wirklichkeit.

Kurz: Natur ist Schöpfung, weil sich in ihr ein transzendentaler Ausgriff auf schöpferische Prinzipien ereignet.

1.2

Was für die Natur gilt, gilt auch für das Leben. Es erneuert sich in immanenten Prozessen spontan und periodisch, verwandelt sich und zeigt sich als eine Kette der Metamorphosen, die in eine fortlaufende Entwicklung eingebunden ist. So entsteht auch hier zunächst der Eindruck, dass wir es auschließlich mit der Immanenz der lebendigen Entwicklungen zu tun haben. Eine eingehende kritische Betrachtung macht aber deutlich, dass besonders die lebendige Komplexität auf einem Formenspektrum beruht, das transzendental ist, d.h. über sich hinaus verweist. Ein wichtiges Beispiel, das ich im dritten und viertel Kapitel meines Buches eingehender darlegen möchte, ist der schöpferische Zufall, der scheinbar planlos in das „Leben“ hineinspielt, in das wir selbst eingebunden sind. In naturalistischer Erstellung zeigt er sich indes als blindes Geschehen; die Entwicklung des Lebens läuft dann ab, als ob ständig gewürfelt würde.

Die lebendige Komplexität kann aber nur als das Zusammenspiel von formgebenden Zufällen und Notwendigkeiten verstanden werden, die von einer Sphäre her wirksam und schöpferisch sind, die der Entwicklung selbst entzogen ist.

Ein faszinierendes Beispiel ist die von Darwin beschriebene Evolution des Lebens, sie ereignet sich zwischen schöpferischer Abstimmung und schöpferischem Zufall. Die Gesetze, die diese Wildnis bestimmen, stehen allerdings zur Gänze außerhalb des evolutionären Prozesses, den sie strukturieren, so dass er uns vordergründig als schöpferisches Chaos erscheint. Dennoch ereignet sich die „klassische“ Evolution zum größten Teil in jenem Ausschnitt der lebendigen Natur, der auch der naturalistischen Betrachtungsweise direkt offensteht. Auch dieser Sachverhalt ist ein schöpferisches Prinzip und zugleich ein unerhörtes Paradoxon. Trotz oder gerade wegen dieser Doppelbödigkeit kann man auf vernünftige Weise von Tatsachen und Befunden sprechen, die von einer Biosphäre umschlossen sind, die sich biowissenschaftlich erforschen lässt, obwohl sie in ihrer Wildheit höchst verwickelt und komplex ist. Kurz: Die Selbstorganisation des Lebens ist eine auf unser Erkenntnisvermögen hin begrenzte Form, in der sich uns das Leben als spontanes Phänomen zeigt.

Ferner gilt: Natur und Über-Natur sind im Universum verschränkt. Dieser Satz ist die Basis des Prinzips Schöpfung. Weil wir uns diesem Prinzip in der alltäglichen Praxis gerne verweigern und bewusst ungenau bleiben wollen, erscheint uns in der naturalistischen Einstellung vieles als „Schöpfer seiner selbst“ (Reiner Kunze), was in Wahrheit bloß Selbstorganisation ist. Hören wir dazu Reiner Kunzes Gedicht „Das Leben“. Es widerspiegelt in einfachen Worten diese grundmenschliche Täuschung:

„Das Leben

 

Schöpfer seiner selbst

 

Seiner selbst

bewußt sich werdend

erschrak es

 

und erschuf

sich seinen schöpfer.“ (lindennacht,S.24)

 

Diese „erschrockene“, sich ihrer selbst bewusst gewordene Existenz, gemeint ist der Mensch, ist allerdings außerstande, auch nur eine Zelle ins Leben zu rufen. Für mich bedeutet Erschaffen nämlich, etwas aus dem Nichts ins Sein bzw. ins Leben rufen. Die Erschaffung von etwas aus dem Nichts kann aber nur ein Ereignis sein, welches die Natur des Menschen – und damit auch sein Bewusstsein - prinzipiell übersteigt. Der Mensch kann nur das Vorhandene in seinem Sinne bearbeiten und aktiv verändern. Er kann Leben zeugen, aber nicht erzeugen (produzieren). Er vermag es zwar als Wissenschaftler und Technologe, etwas aus etwas hervorzubringen, er kann aber kein Produkt aus dem Nichts zu erschaffen. Dazu müsste er seine Natur überschreiten und von außen in ein Hier und Jetzt eingreifen, in dem er sich selbst befindet. Das gilt auch für das Bewusstsein, es bietet nicht den geforderten Außenstandpunkt. Denn die Imagination ist weiter nichts als ein produktives Vermögen, das auf jenen virtuellen Raum beschränkt ist, den das Bewusstsein erzeugt.

Das Gleiche gilt, freilich jetzt passiv verstanden, für die lebendige Natur, die den Menschen als Lebenswelt umgibt: Das Leben in ihr ist kein „Schöpfer seiner selbst“, weil es eben auch nur Natur ist. Nur eine Über-Natur kann im strengen Sinne des Wortes schöpferisch – und damit grenzenlos spontan bzw. „grundlos“ - agieren.

Kurz: Schöpfung im Sinne von Erschaffen setzt Transzendenz und damit einen Außenstandpunkt voraus. Die schöpferischen Vorgaben lassen sich dann als die Spuren des Schöpfers begreifen, die in der geschaffenen Natur transparent werden, sie widerspiegeln sich in den transzendentalen Formen, die unsere begrenzte menschliche Natur mit der Über-Natur des Schöpfers verschränken. Die dazugehörigen Affekte sind das Erstaunen und die Bestürzung. Sie sind also Formen und Beziehungen, die einsichtiges Leben ermöglichen, während die Transzendenz des Schöpfers ein supranaturales Ereignis ist, das sich dem Bewusstsein entzieht.

Auch der Mensch ist auf natürliche Weise in seine Existenz gestellt, er weiß – trotz aller kreativen Freiheiten -, dass er zuerst einmal als Lebewesen „vorhanden“ ist, und er spürt dies in seinen zahllosen Sorgen, in seiner Geworfenheit, aber auch in der Geborgenheit seiner kreatürlichen Existenz. Denn auch sie ist ein natürliches Phänomen. Bleibt er aufrichtig und konsequent, dann stürzt ihn der Einblick in dieses existenzielle Paradox – trotz der zahlreichen Erfolge in Wissenschaft und Technologie – in eine Unruhe, die ihm seine Kreatürlichkeit in allen Facetten deutlich werden lässt. Demut, aber auch Resignation, Selbsttäuschung oder trotziger Hochmut können die Folge dieser krisenhaften Einsicht sein.

Freilich – und das kann man als Entschuldigung auffassen - ist der Beginn von den kosmischen Prozessen der Selbstorganisation oft nur schwer erkennbar, weil er sich, wie das z.B. bei der lebendigen Komplexität ganz offensichtlich der Fall ist, in unfassbar fernen Zeiten ereignet hat und für das Erkenntnis suchende Geschöpf Mensch eine absolute zeitliche Grenze bildet. Natur und Über-Natur berühren sich hier. Allerdings können wir die Tiefe und Außerordentlichkeit dieser Berührung nur ahnen. Was so weit abseits, sozusagen im Schatten einer Übernatur verborgen liegt und auch für die Forschung nur schwer erreichbar bleibt, erscheint uns dann, als hätte es keinen Anfang. Wir verstehen nur die Anfänge, die wir selbst gesetzt haben.

Lebendige Komplexität entwickelt sich also aus einer metaphysischen Dunkelheit heraus, und zwar unablässig in natürlichen Kreisläufen. Das ist ein großes Paradoxon: Was lebt, wird geboren, steigt empor, lernt die ihm zugemessene Schöpfung, vermehrt sich und muss zuletzt sterben, um dem Neuen Platz zu machen. Solche zyklisch strukturierten Abläufe in der lebendigen Komplexität bilden sozusagen die Oberschwingung zu einer Grundschwingung, die indes irreversibel voranschreitet und mit jedem Schritt komplexer wird.

Mit der Emergenz (schöpferischen Entwicklung) des Menschen ist den stummen Weiten sozusagen eine Oase der schöpferischen Freiheit und Vernunft eingewoben. In der Emergenz des Bewusstseins zeigt sich die Entwicklung als Konvergenz, als Zielstrebigkeit inmitten einer unermesslichen Offenheit, die dem überforderten Alltagsmenschen meistens planlos und zufällig erscheint.

In einigen wenigen, aber nicht unwesentlichen Facetten kann sich der Mensch aber dem Prinzip Schöpfung nähern, und zwar über seine Vernunft. Er findet sie in seinem Bewusstsein vor und sie widerspiegelt die oben angesprochene konvergente Bewegungsrichtung, die ihn auf den Weg bringt. Denn auch das Bewusstsein streckt sich nach seinen Objekten aus, es ist zielgerichtet (intentional) und zielstrebig. Unser Planet wird mit ihm menschlich (anthropisch), wird zum Beobachtungsplatz, von dem aus das vernünftig gewordene Leben sich selbst und alles übrige kosmische Geschehen als die gesetzmäßige Natur beobachtet.

Aus alltäglicher Position gesehen, stecken wir aber irgendwo mittendrin, sehen zunächst einmal keine Spur des Anfangs und erahnen auch das Ende nicht. Hiersein beruht daher auch auf einer „schöpferischen Täuschung“, die uns das Leben erträglich und den Planeten für uns bewohnbar werden lässt. Das bedeutet: Wir können in unserem praktischen Leben mit vielem umgehen, ohne zu verstehen, wie es wirklich funktioniert. Traumwandlerisch entsteht im Einflussbereich dieser Täuschung das Gefühl, dass wir dazugehören. Seine Wirkungen in einer Geste des gelehrten Nichtwissens anzunehmen, führt zur Gelassenheit.

Trotz der prinzipiellen Offenheit und Unvorhersagbarkeit der lebendigen Entwicklungen können wir im Raum der schöpferischen Vernunft die vernünftige und glaubwürdige Einsicht gewinnen, dass der Kosmos aus einem Alpha hervorgetreten ist und zielstrebig einem Omega zusteuert: Es gibt also bereits in unserer Natur ein Prinzip Alpha und ein Prinzip Omega, beide legen einen Schöpfer nahe, der sich in der schöpferischen Vernunft abbildet (vgl. Römerbrief 1,20). Als Ebenbild seines Schöpfers und als vernünftiges Wesen wird der Mensch dann ein Schöpfer im Kleinen.

Die Pointe des vierten Kapitels im vorliegenden Buch ist schließlich die Gleichsetzung dieses Schöpfers mit dem biblischen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem Dreifaltigen, den die Christen bekennen. Sie kann freilich nur auf dem Boden der glaubenden Vernunft vollzogen werden.

 

Text2/Quelle: Schöpfungsbuch, Kapitel 6/Nr.6

6

Kein Fortschritt ohne Transzendenz

Segen bedeutet dann die gnadenhafte und freundschaftliche Präsenz des Schöpfers in der Lebenswelt des Menschen, sie ereignet sich unter anderem über das Prinzip Schöpfung und widerstreitet allen Formen des Pelagianismus prinzipiell. Niemals wird nämlich ein Staat die Menschen glücklich machen, der allein auf einem säkularen Gesellschaftsvertrag beruht: Über kurz und lang wird sich in einem solchen Staat, der im eigentlichen Wortsinn keine Transzendenz kennt bzw. sie bewusst verneint, eine unerträgliche Staatsvergötzung manifestieren, so wie wir sie seit einiger Zeit in den USA vorfinden.

Eine Form der hier und jetzt gelebten Transzendenz kann darin bestehen, dass in einer Gesellschaft ein Gottesbezug entsteht, indem viele Menschen bewusst und konsequent die christlichen und die schöpferischen Tugenden leben und sie offen in die politische und ökonomische Praxis einbringen. Auf diese Weise wird der altrömischen und urchristlichen Tugend der „Pietas“ - ich habe sie ja bereits im zweiten Kapitel des Buches angesprochen - im gesellschaftlichen und politischen Umfeld des Einzelnen der Boden bereitet. Die Pietas ist für mich – und zwar als die Frömmigkeit des Staatswesens und der Gesellschaft - ein Bewegungsbild mit zwei Achsen: Man kann sich ihre Wirkweise anhand eines Gleichnisses vorstellen. Die Entfaltung der Pietas könnte sich z.B. in Form eines fraktalen Prozesses ereignen. Jeder Einzelne, der sich in diesem Prozess befindet, verwirklicht seine Pietas von seiner Position her: Er ist sozusagen der Zweig eines Baumes, für den gilt, dass alle Zweige des Baumes immer so aussehen wie der Baum als Ganzes. Die schöpferische Rationalität wächst dann als Baumkrone empor, deren Äste aus den vernünftigen Handlungsweisen der Einzelpersonen hervortreten. Und es gilter ferner auch: Der Baum wächst nach oben und zugleich in die Weite. In ihm entfalten sich daher die Tugenden des Einzelnen zu gesellschaftlichen Tugenden. Der Einzelne und das Ganze kommen in diesem Wachstum zueinander. Die Dichte der Baumkrone symbolisiert ferner die Fülle an Rationalität, die der ganze Baum über seine Äste ausstrahlt, wobei die Qualität des Ganzen immer auch der Güte seiner Teile entspricht, weil ja alles in diesem fraktalen System selbstähnlich gebaut ist. Meine Botschaft ist: Nur wenn in einer Gesellschaft die Individuen auf rationale und schöpferische Weise miteinander vernetzt sind, wächst die Gesellschaft als Ganzes rational. Das ist das erste Postulat der schöpferischen Vernunft. Im globalen Wirkraum der schöpferischen Vernunft ergänzen sich daher die theoretische und die glaubende Vernunft zu einer wachstumsfähigen Einheit, die durch die Praxis des Einzelnen auf das Ganze übergeht. Diese rationale Einheit muss auf der Basis lebensbejahender Tugenden gelebt werden, sonst würde der Baum irgendeinmal verdorren. Das beste Beispiel sind für mich die „christlichen Tugenden“. Sie sind aber auch ein Bewegungsbild, in dem sich der Fortschritt mit der Transzendenz verknüpft. Fortschritt und Transzendenz in Wirtschaft und Gesellschaft gehen zunächst einmal von den Einzelmenschen aus und fügen sich nach und nach zum Fortschritt und Wachstum einer Gesellschaft bzw. einer Volkswirtschaft zusammen, die dann als Ganzes so gut wächst wie ihre Teile. Auf diese Weise kann man den Tugenden eine praktikable und weltoffene Form geben. Die in Fraktalen aufsteigende Transzendenz – z.B als Lebensqualität und Nachhaltigkeit - ist daher ein „ansteigender“, in jeder Phase offener Wachstumsprozess des Vernünftigen, der zugleich fortschrittlich ist. Er tritt zunächst einmal aus einer Politik der kleinen Schritte hervor. Sie muss sich zuerst im Nahraum, d.h. in der Übersichtlichkeit kleiner Einheiten entfalten und erproben, um dann zuletzt global zu werden. Pierre Teilhard de Chardin hat den Raum dieses fraktalen Wachstums der schöpferischen Vernunft „Noosphäre“, d.h. die Sphäre der aufsteigenden Vernunft, genannt. Er meinte damit eine Zone des Vernünftigen, die sich über den einzelnen Menschen erhebt wie eine große Kuppel der Rationalität, die zugleich Fortschritt und Transzendenz ist. In ihr ist der Mensch geborgen ist, weil jeder Fortschritt in ihr immer auch auf Gott ausgerichtet ist. Diese Zone der schöpferischen Vernunft entfaltet sich in ausgedehnten Wellenzügen entlang zweier Achsen. Die erste Achse ist der Fortschritt (im gewöhnlichen Wortsinn), er zeigt sich als die Bewegung nach vorne. Die zweite Achse ist die Transzendenz, entlang derer sich der Fortschritt qualitativ „emporhebt“, und zwar über den einzelnen Menschen hinaus in Richtung Gott. Die erste Achse ließe sich als Aufklärung, die zweite als die Abklärung des Fortschritts auf der Basis der Schöpfungsethik bezeichnen. Die Botschaft ist: Indem der Mensch entlang dieser beiden Achsen vernünftig handelt und wirtschaftet, nimmt er das Gnadengeschenk an und nähert sich durch sein Wirtschaften Gott. Das ist für mich das zweite Postulat der schöpferischen Vernunft. Nur ein antipelagianisches Wirtschaften, das zugleich Fortschritt und Transzendenz ist, kann den Menschen auf Dauer Glück und Wohlstand bringen. Fortschritt alleine ist zu wenig. Wirtschaften ist, so verstanden, zugleich ökonomischer Fortschritt und Bejahung der vorausgehenden Gnade, die dann im alltäglichen Handeln bedeutsam wird.

Ein weiteres Beispiel für dieses teilhardsche Bewegungsbild ist das Zusammenspiel von „Solidarität“ und „Subsidiarität“ im Sinne der katholischen Soziallehre. Es handelt sich hier, kurz gesagt, um ethische Prinzipien, die zusammen Fortschritt und Transzendenz ermöglichen. Ihre Verschränkung ereignet sich in erster Linie im mitmenschlichen Raum und ist daher das Basiselement für alle schöpferischen Wachstumsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft. Hier können dann die Phantasie, unternehmerisches Geschick und die Ethik des Teilens direkt hineinspielen und Großes bewirken. Dasselbe gilt für die „schöpferischen Tugenden“ des Einzelnen wie Mut, Klugheit, Gerechtigkeit und Maß.