Biohermeneutik und Biokommunikation – Die modernen Bio- und Medizinwissenschaften – Monolog über die oder Dialog mit der Natur?
Quelle: Bioethik-Buch- Teil 2/Nr. 1
SPRACHE ALS LEBEN –
LEBEN ALS SPRACHE
„Die
Schöpfung ist wie eine große Grammatik,
i hre Worte sind die Welt“
Martin
Luther
1
Von
daher stellt sich nun aber die Frage, welche Eigenschaften eine Sprache haben
muss, damit mit ihr über die Biosphäre gesprochen werden kann? Muss sie nicht
selbst lebendig sein? Dies mag bedeuten, dass sich mit ihr alle wesentlichen
Dimensionen des Lebendigen hervorrufen lassen, indem eine besonders
sensibilisierte Sprachform sie uns perspektivisch erscheinen und verständlich
werden lässt.
Zunächst
einmal ist Sprache – jetzt ganz allgemein und abstrakt betrachtet – ein Medium,
welches Vermittlung zwischen zwei offensichtlich zueinander in Differenz
stehenden Polen ermöglicht. Sie ist damit auch ein Medium, das Einheit über
erlebbare Gegensätze hinweg schafft. Man kann dieses Medium ohne größere
Schwierigkeiten von den Lebensvollzügen abkoppeln und es als einen
eigenständigen, in sich abgegrenzten Bereich betrachten, z.B. in Form einer
Expertensprache. Dennoch leistet das gesprochene Wort gegenüber sich
vertiefenden Abstraktionsvorgängen beharrlichen Widerstand, was zur Folge hat,
dass man Abstraktion in der Praxis nicht bis ins Unendliche vorantreiben kann.
Lebendigsein zeigt sich dabei in Prozessen der Teilung, Differenzierung und
Strukturierung. Sie sind für das Leben typisch und machen deutlich, dass
Lebendiges auch Ausdruck der fraktalen Geometrie des Lebens ist. Sie
zeigen ferner, dass Leben, Fühlen und Denken in Lebenswirklichkeiten
gewissermaßen „raue“ Oberflächen ausbilden, die sich nicht beliebig glätten und
virtualisieren lassen. Sie lassen sich daher durch instrumentelle und
terminologische Glättungen auch nicht einseitig beherrschen. Und schließlich
bedeutet dies noch, dass man Erlebtes und Gefühltes nicht so ohne weiteres aus
dem sprachlichen Prozess herausnehmen kann, weil Sprache ja selbst Leben ist.
Die alltägliche Spaltung, die sprachliches Leben in allen Schichtungen des
Lebendigen hervorruft, widersteht also dem totalen Abstraktionsprozess. So
verstanden, bilden sich das Leben und seine Dynamik gleichsam perspektivisch in
den Sprachprozess ab und wir finden sie in zahlreichen grammatischen,
rhetorischen Ausdrücken und Idiomatiken wieder, die Sprache im Alltag erst
lebendig werden lassen. Auf diese Weise können wir dann auch erkennen, dass das
Leben als Sprachform allen jenen Vereinfachungen widersteht, die von virtuellen
Sprachen, Terminologien und Nomenklaturen ausgehen und die die kommunikativen
Merkmale der einzufordernden Lebensnähe infrage stellen bzw. sogar außer Kraft
setzen. Begriffe sind also, kurz gesagt, Zugriffe von Zeichen auf das Leben.
Der damit untrennbar verknüpfte alltägliche Prozess der praktischen Umsetzung
solcher Zugriffe ist die Kommunikation.
Sowohl
die kommunikative Kraft des Wortes als auch das Wort selbst, als Text, als Rede
oder als gespeichertes Wissen verstanden, sind daher immer der
praktische Ausdruck einer Verbindungsweise, die Einheit zwischen den Zeichen-
und den Lebenswelten stiftet. Dies ist indes keine Abstraktion, sondern selbst
ein lebendiger Prozess, der nicht unterbrochen werden darf. Anders formuliert
bedeutet dies: Dieser Prozess lebt selbst. Sprache muss also mit den
Phänomenen mitwachsen: Sie ist Mit-Welt und als solche dialogisch. Nennen wir
daher diesen Prozess des Mitwachsens der Sprache Lebensform. Eine von
vielen möglichen, sprachlichen Lebensformen ist dann, wie bereits angedeutet,
der Dialog. Als Lebensform, die sich konkret und zentral in der Persönlichkeit
des Menschen ausdrückt, umschließt er einen ausdrückbaren Gehalt, umfasst ein
dynamisches System konkreter und praktisch umsetzbarer Bedeutungen, die sich
ständig erweitern, die wachsen, weil sie ja selbst mit unserem Denken, Fühlen
und Erleben mit leben und die sich auf diese Weise immer auf ein
personales Gegenüber ausrichten. Ein weiteres wichtiges Beispiel für einen
solchen Prozess sind die Traditionen, in denen wir leben und die wir stets auch
als Vorverständnis für unsere dialogische Existenz erleben. Dieses
tiefschichtige System Sprache-Leben zwischen Tradition und Dialog beruht daher,
als Lebensform begriffen, auf einer erlebbaren Differenz und auf einer spontan
erfassbaren Identität. Die Differenz wird durch den Dialog überbrückt, die
Identität erfahren wir von unseren kulturellen, wissenschaftlichen und
technologischen Traditionen her.
Da
nun der lebendige Prozess und die mit ihm verknüpften Lebensformen (z.B. die
Traditionen) auf vorstrukturierten Differenzen beruhen, die wir stets auch als
solche erleben, haben es wissenschaftliche Terminologien, technische und
medizinische Nomenklaturen und die mit ihnen verknüpften Texte als
Lebensformen zu allen Zeiten nötig, gedeutet, ausgelegt zu werden.
Praktisches Leben ist daher zum einen immer deutungsbedürftig, zum
anderen – jetzt von seiner sachlichen Tiefe her gesehen – in jedem Augenblick bereits
gedeutet. Dies ist nur auf den ersten Blick ein Paradox: Die
Deutungsbedürftigkeit und die Möglichkeit, etwas zu deuten, bilden nämlich eine
Einheit, die in allem, was lebt, ständig präsent ist. Zur Verdeutlichung vier
Beispiele für solche Lebensformen: Die Instinkte bei den Tieren, die Struktur
der neuronalen Mustererkennung beim Menschen, das Prinzip des individuellen
Lebens, an dem alle Lebewesen über die Grammatik der DNS partizipieren, aber
auch die Persönlichkeit des Menschen, die ein besonderer Ausdruck des Prinzips
der lebendigen Individualität ist. Die Persönlichkeit des Menschen ist dabei
eine Lebensform, die Freiheit, Spontaneität und Dialogfähigkeit lebendig werden
lässt.
Besonders
bemerkenswert ist nun auch die Tatsache, dass sich dieser Zusammenhang selbst
sprachlich nicht erschöpfend erfassen lässt. Wohl steht er aber unseren
Gefühlen offen: Darin gründet das Wesen der Sensibilität und der Tacit
knowledge. Die Wahrheit – als Tradition und als dialogische Lebensform - ist
gleichsam gestimmt. Nicht von der logischen Struktur her ist dann der Gedanke
für uns wichtig, sondern von seiner Mächtigkeit her, uns auf eine erlebbare
Wahrheit einzustimmen, die aus der Resonanz verschiedener Kommunikationsformen
hervortritt, wobei die Logik den Rahmen des Denkmöglichen vorgibt. Wahrheit ist
daher, ironisch gesprochen, die Übereinstimmung von Denken und Fühlen, von
Logizität und Sensibilität. Wir bezeichnen sie in dieser Zusammensetzung als
Authentizität bzw. als Nachhaltigkeit. Diese grundlegende Übereinstimmung, die
auf dem Zusammenspiel von differenzierenden und Einheit stiftenden Naturkräften
beruht, muss daher das entscheidende Merkmal jeder expertensprachlichen
Artikulation sein. Sie ist damit auch das entscheidende Grundereignis,
von dem her Expertensprachen erst ihre Gültigkeit erlangen. Dies zeigt uns ein
einfaches Gedankenexperiment: Könnten wir denn überhaupt in wissenschaftlichen
Terminologien über etwas reden, wenn nicht eine geheime Übereinstimmung
(Identität) zwischen Sprechendem und Angesprochenen bestünde? Sie macht die
Verbindung zwischen den Instanzen Forscher und Forschungsgegenstand letztlich
durch Aufeinanderabstimmung möglich. Auch diese Einheit und die ihr zugehörige
Differenz stehen dann unverrückbar im Spannungsfeld von Dialogfähigkeit und Spontaneität!
Und ist es nicht klar, dass diese Einheit auch irgendetwas mit der Natur des
Sich-Ausdrücken-Könnens selbst zu tun hat, ja sogar eine metaphysische
Dimension der Natur darstellt, die vom Menschen als Wissenschaftler und
Technologen ergriffen werden muss, damit er sich in der Lebenswelt verständlich
machen kann. Praktisch gesehen, bedeutet dies, dass auch Wissenschaft und
Technik von zwei sprachlichen Lebensformen getragen werden.
Aus
diesem Grund ist der Dialog überhaupt die einzige elementare Naturkraft, die
alle Schichten des Lebendigen gestalten und überspannen kann. Im Dialog werden
darüber hinaus alle Schichten des Lebendigen, die dem Menschen wichtig
und bedeutsam sein können, aufeinander abgestimmt. Aus diesem Grunde ist der
Dialog mit der Natur auch in den Wissenschaften eine unabdingbare
methodologische und ethische Voraussetzung. Sein Ziel wäre es, das
Einheitliche, das elementar Wissbare und technisch Verfügbare aus der
Komplexität der lebendigen Natur heraus zu gewinnen, ohne diese Natur zu
verlassen.
Dass
wir überhaupt wissenschaftlich forschen müssen, beruht allerdings auf der
fundamentalen Differenz zwischen den jeweiligen Lebensformen, sie wird durch
den Dialog als Lebensform überwunden. Diese Differenz zwischen der Tatsachenwelt
und uns bildet eine wesentliche Grundlage der wissenschaftlichen
Disziplinen. Wir erfassen sie in den Terminologien, Hypothesen und Theorien,
die freilich in der Bereitschaft zum Dialog und in der dialogischen
Konstruktion der Einzelforschung gründen müssen. Die Verknüpfung dieser beiden
Sachverhalte nenne ich Interdisziplinarität, die ihr entsprechende
sprachliche Lebensform möchte ich Kontextualität bezeichnen. Eine ihrer
Vorstufen ist die Intertextualität. Aus diesem Grunde sind auch das
wissenschaftliche und das technische Leben, zusammenfassend gesagt, praktische
Ausdrucksweisen des Agierens zwischen Identität und Differenz, zwischen
Einvernehmen und Missverständnis, zwischen Offensichtlichkeit und Mysterium,
die uns, richtig vollzogen, zur Interdisziplinarität und Kontextualität führen.
Diese beiden sprachlichen Lebensformen ereignen sich zwischen
Deutungsbedürftigkeit und selbstverständlicher Evidenz. Unser Leben, das in
seinem Erleben und Handeln ständig auf wissenschaftlich erfassbare und formulierbare
Differenzen stößt, bedarf also deswegen des Expertenwissens und der
Grundlagenforschung, die freilich nicht aus dem lebendigen Gesamtzusammenhang
heraustreten dürfen. Denn es ist ein weiteres wesentliches Merkmal alles
Lebendigen, dass es sich in der Natur als ein einheitliches Band zeigt, was zur
Folge hat, dass all unser Expertenwissen von diesem Band umfasst und getragen
werden muss, damit wir in unseren Forschungen erfolgreich sein und ethisch
einwandfrei agieren können. Goethe hat uns diesen wichtigen Sachverhalt
eindrucksvoll und exemplarisch in seinem naturwissenschaftlichen Œuvre
vorgeführt.
Der
Gegensatz Identität-Differenz zeigt sich dann im Wissen um die
charakteristischen Differenzen, die Lernen bzw. Forschung herausfordern, sie
machen die Disziplinen nötig. Er zeigt sich aber auch in der Sensibilität
gegenüber den erforschten ökologischen Einheiten. Denn auch Sensibilität beruht
zuletzt auf dem Willen zur Interdisziplinarität. Das Zusammenspiel dieser
beiden Kräfte ist überhaupt eine wesentliche Grundeigenschaft allen
höheren Lebens, und zeigt sich z.B. auch in einigen typischen Verhaltensmustern
höherer Lebewesen in unserer Biosphäre, und zwar in jeweils verschiedenen
Graden der Bewusstheit. Beispiele sind Symbiosen, Kooperationen und Staaten,
sie sind im Tierreich weit verbreitet und drücken u. a. Formen des Lernens und
der Wissensvermittlung aus. Sie sind daher Vorstufen der Interdisziplinarität
beim Menschen. Beim Menschen zeigt sich dieses Zusammenspiel von Identität und
Differenz z.B. in der neuronalen Mustererkennung, die im alltäglichen Leben
eine große Rolle spielt. Im Menschen wird diese Grundeigenschaft, getragen von
einer neuronalen Infrastruktur, schließlich sogar in verschiedenen Graden selbstbewusst
und damit gleichzeitig zur ethisch-moralischen Frage. Denn der Mensch kann
diese hoch komplexe Voraussetzung von seinem Erleben, Denken und Fühlen
abtrennen und sie als abstraktes Konstrukt weiterentwickeln. Er kann sich auf
diese Weise sogar überhaupt von der Ökosphäre wegentwickeln, wie die moderne
Technologiekrise mehr als deutlich zeigt. Aus dem Ganzen der lebendigen
Komplexität wird dann lediglich jener Teil des Erkennbaren herausgenommen, den
der Technologe praktisch verwerten und den der Wissenschaftler in seiner
Disziplin erforschen und theoretisch erfassen kann. Das ist freilich zu wenig.
Damit der Anspruch des Lebens repräsentiert ist, muss zu all dem noch die
Interdisziplinarität hinzukommen.
Die
mächtige Vielfalt von Resonanzen, die das Band der lebendigen Komplexität als Ganzes
zusammenhält, kann der Mensch allerdings nur fühlend – z.B. in Stimmungen wie
dem Erstaunen - erfassen. Denkend, fragend und antwortend sind ihm nur genau
abgemessene Teile zugängig. Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Teil ist
daher das Metier des Experten: Der Experte darf schon allein deswegen nicht das
Grundgefühl der Fraglosigkeit und Selbstgegebenheit des Lebendigen aus dem Auge
verlieren. Er würde nämlich damit alles verlieren! Seine Theorien sind dann nur
noch Wegwerfware und Zeitgeistprodukte, und nicht eben bleibende Einsichten in
eine hoch komplexe Realität, die auf der Einsicht in wissenschaftliche
Disziplinen und auf der Umsetzung des dialogischen Prinzips beruhen.
Hinter
jeder Frage steht, wie bereits erörtert, auch ein reflektierbares Moment
der Differenz, das den Experten – allein schon seiner theoretischen Neugierde
wegen – herausfordern kann. Es kommt dann einer Abkoppelung vom
Gesamtzusammenhang des Lebendigen – paradoxerweise um des Lebendigen willen –
gleich. Dieser Vorgang ist auch das erkenntnistheoretische Grundgesetz der
technologisch orientierten Medizin, die somit eine Absplitterung vom Ganzen der
menschlichen Psychosomatik ist, die auf Dialogfähigkeit und interdisziplinärer
Authentizität beruhen muss. Diese Absplitterung von der „reellen“ Psychosomatik
fordert dann als Pendant die Hermeneutik des Lebendigen heraus, die die Rechte
des Zusammenhangs einfordert und die insofern auch eine wichtige ethische
Fragestellung ist.
Im Wissenserwerb der gegenwärtigen
technologischen Medizin und in der praktischen Umsetzung seiner Ergebnisse
zeigt sich nämlich ein hohes Maß an Entfremdung, die umso augenfälliger wird,
je mehr das technologische Moment gerade jene Sensibilität verstellt, die nötig
ist, um jene nicht zu verunsichern, auf die hin das Wissen zur Anwendung
gelangen soll. Diese Verunsicherung kann bis zur Dialogunfähigkeit führen, die
zuletzt einen einseitigen Herrschaftsanspruch Halbwissender über Hilfesuchende
zur Folge hat, so wie wir das gegenwärtig bereits erleben können. Dieses
Entfremdungserlebnis prägt zuletzt auch unser aller persönliches und
individuelles Leben, vereitelt Öffentlichkeit und kritisches Eingreifen, indem
einzufordernde Authentizität und Sensibilität in der verwirrenden Fülle von
Expertensprachen und Terminologien untergehen.
Am
Beispiel der modernen technologischen Medizin lässt sich das sogar exemplarisch
und paradigmatisch aufzeigen: Die technologische Medizin ist ein
wesentlicher Teil unseres Heilwissens, der grundsätzlich bejaht werden muss,
weil sich dieser Zweig der Medizin dem Phänomen der Krankheit von rationalen
Verfahrensweisen her nähert und solange er nicht zum Halbwissen verkommt.
Ethisch gesehen, verstellt aber das Übermaß an Expertentum den Dialog zwischen
Arzt und Patient. In der Expertensprache der Reproduktionsmedizin kann, um hier
wieder dieses Beispiel anzuführen, nicht mehr adäquat, d.h. mit der nötigen
Sensibilität, über Phänomene wie Zeugung, Reifung, Wachstum und Geburt
gesprochen werden. Dieser Zweig der Medizin neigt vielmehr dazu, das Leben
einer einseitig kontrollierenden und beherrschenden Verfügung zu unterwerfen -
und nützt in diesem Zusammenhang häufig derzeit noch bestehende rechtliche
Grauzonen aus. Medizin muss demgegenüber immer offener Dialog und damit
vonseiten des Arztes Hermeneutik bleiben, die als Lebensvollzug zwischen dem
Arzt und dem Kranken stattfindet, und in deren Vorverständnis sich das
Reservoir an technologischer Medizin befindet, das diesem Dialog Seriosität und
Tragfähigkeit verleihen kann. Die Medizin benötigt also wieder eine Sprache,
die auf individuelle Lebens- und Körpergefühle Rücksicht nimmt, ohne indes
dabei den technologischen Aspekt einseitig auszuklammern, was notwendigerweise
zur Scharlatanerie führen müsste. Das Gesetz des Dialogs bestimmt nämlich, dass
sich der Dialog immer zwischen Fragendem und Befragtem zu ereignen hat. Dabei
bietet der Fragende als Vorverständnis sein Expertenwissen an, welches auch auf
die Gefühle und Empfindungen des Befragten angewandt werden muss, dessen
Position und Vorverständnis durch das Erleiden gebildet wird. Der Dialog sollte
schließlich zur Zuversicht und Hoffnung führen, sollte also nicht Entfremdung
und Verzweiflung zur Folge haben. Jeder Partner des Dialogs klammert sich an
das Selbst- und Vorverständnis, dass alles Lebendige aus der Sicht des Menschen
einem einheitlichen Band des Denkens, Erlebens und Fühlens angehört, so dass
sowohl Helfender als auch Leidender von diesem gemeinsamen Ausgangspunkt –
allerdings jeweils von zwei verschiedenen Situationen her – miteinander
kommunizieren können. Der Tatsache des menschlichen Leides entspricht daher die
komplementäre Tatsache, dass dem Leid mögliche – noch zu ermittelnde Hilfe
entspricht; um sinngemäß mit Hölderlin zu reden: - dass, wo Gefahr ist, auch
das Rettende wächst. Diese Zuversicht ist berechtigt, denn Natur zeigt sich uns
immer dann, wenn man mit ihr in den ökologischen Dialog tritt, als ein hoch
komplexes Band aufeinander abgestimmter Phänomene, so dass uns, recht
vollzogen, nur die Fokussierung des konkreten Einzelfalls bzw. des
Einzelobjekts den Einblick in allgemeine Baupläne und Strukturen eröffnen kann.
Dazu bedarf es sogar besonders sensibilisierter Anschauungsvermögen. Wir kommen
darauf später noch zurück. Kurz: Der Reichtum der lebendigen Komplexität lässt
sich nur am lebendigen Individuum demonstrieren. Sie zeigt sich uns als ein
Strom miteinander verwandter Lebensprozesse, der, solange es die Bedingungen
erlauben, niemals zur Ruhe kommt und in dem sich Individuen als offene
Einheiten verkörpern. Ich möchte diesen dynamischen Zusammenhang lebendige
Affinität bezeichnen. Dies bedeutet dann, salopp formuliert, dass die
lebendige Komplexität so aufgebaut ist, dass nur ein umfassendes Studium des
Individuums in strenger Konsequenz zur Einsicht in komplexe Baugesetze der
Affinität führen kann. Hier handelt es sich meines Erachtens um ein sehr
wichtiges Grundprinzip der Bio- und Medizinwissenschaften. Berücksichtigt man
diesen Aspekt nicht zur Genüge, ist die technische Medizin wertlos, denn die
Natur erzeugt durch ihr komplexes Wirken nur einen dauerhaften Prozess der
Individualisierung, der sich allerdings zu jedem Zeitpunkt in komplexen affinen
Zusammenhängen bemerkbar macht, so dass die Diagnose – bzw. überhaupt jedes
Know-how, das auf der Einsicht in Symptome beruht – stets auch auf der
Erfassung des Besonderen, Einzigartigen und Individuellen basiert. Gelingt der
Dialog zwischen der technischen Abstraktion und der heilenden Konkretisierung
des Expertenwissens nicht, so ist alles vergeblich, - dann bleibt allein
Herrschaft und blinde Verfügung zurück. Das Wissen um die lebendige Affinität
kommt nun aber – jetzt ethisch gesehen – einer Technologie-Kritik gleich. Die
Erfahrungen und die Sensibilisierungen in ihrem Umfeld fordern nämlich immer
auch eine kritische Begrenzung der Möglichkeiten der allgemeinen
Sacherkenntnis, die untrennbar mit der Forderung nach Individualerkenntnis
verknüpft sein muss. Man kann daher diesen Gedankengang ohne größere
Einschränkung auf den Vorgang der ethischen Bewertung übertragen.
Kommen
wir nun abschließend noch zur Empirie: Sie umfasst jenes Reich der möglichen
und allgemeinen Sacherkenntnisse innerhalb der lebendigen Affinität, die auf
wissenschaftlichen bzw. technologischen Erfahrungstatsachen beruhen; ihr
widerstreitet die auf der Sensibilität beruhende Erkenntnis des Besonderen und
Einzigartigen, die freilich näher am Hauptstrom des Lebendigen liegt. Beide
Formen der Erkenntnis bilden das Ganze.
Die
Empirie ermöglicht es dem Menschen, im Bereich der lebendigen Affinität bewusst
Differenzen zu bilden, indem er - z.B. als Wissenschaftler - theoretische
Probleme aufwirft. Die Differenz drückt, so verstanden, den Sachverhalt aus,
dass sich zu allem und jedem etwas fragen lässt, die Identität besagt
demgegenüber, dass wir zu allem und jedem immer bereits ein Wissen (z.B. als
Vorwissen) besitzen. Fragestellungen ziehen also empirisch gewonnene
Horizontlinien in unser Wissen, die durch Antworten und Problemlösungen
verschoben bzw. erweitert werden können. Für die Praxis formuliert, besagt dies
dann: Der Mensch trifft z.B. als Forscher auf Problemstellungen und auf
hinreichende Möglichkeiten der Problemlösung. Dies geschieht in einer Weise,
die zur Folge hat, dass für ein Problem, das sich (empirisch) formulieren
lässt, notwendigerweise immer die Möglichkeit besteht, eine angemessene
Lösung zu finden, die sich ebenso (empirisch) formulieren lässt. Dazu sagt der
frühe Wittgenstein: „Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann
sie auch beantwortet werden.“ Eine Antwort bzw. eine Problemlösung
erweitert dann unseren Wissenshorizont und wirft freilich sofort wieder neue
Fragen auf. Dieser Zusammenhang ist eine wesentliche dynamische
Grundlage des dialogischen Prinzips, er ermöglicht z.B. das wissenschaftliche
Gespräch und beruht auf der offenen Wirksamkeit der lebendigen Affinität. In
der Praxis stellt er sich uns als Rückkopplung dar. So wäre dann doch ein gutes
Stück Wahrheit in jener Denkweise einiger Frühromantiker (wie Novalis,
Friedrich Schlegel und der frühe Friedrich Wilhelm Schelling) zu finden, die
besagt, dass die Sprache einen genau eingegrenzten Spielraum zwischen Geist und
Natur als Wissen umfasst, der sich dynamisch entfalten lässt. Novalis verwendet
die schöne Metapher „Schweben“, um ihn zu charakterisieren. (Vgl. Ed. Schulz,
S.310). Mit diesem Spielraum ist das Bewusstsein gemeint. Dazu sagt
Novalis: „Das Bewusstsein ist die Sphäre des Wissens.“ Mengentheoretisch
gesehen, könnte man daher das Bewusstsein als eine Durchschnittsmenge zwischen
Denken und Natur begreifen, von der her sowohl das Fragen als auch das
Antworten kommunizierbar werden. Dies kann man auch so formulieren: „Zieht“
man, jetzt allgemein und summarisch gesprochen, die Natur vom Geist ab, so
bleibt in diesem Gedankenexperiment die Sprache als zweiteiliges Ereignis
zurück – und zwar als Differenz (d.h. als Problemhorizont) und als
Identität (d.h. als Wissen). Sie bildet daher, jetzt passiv verstanden, die
Gemeinsamkeiten von Natur und Denken ab, die sich, hier aktiv verstanden,
problematisieren, in Disziplinen erforschen, lernen und wissen lassen. Sie
macht, um es anders zu formulieren, sowohl geistige als auch natürliche
Realitäten prinzipiell kommunizierbar und geht damit weit über das
hinaus, was uns das Fühlen und das Erleben ermöglichen. Mit ihr kann daher das
jeweils Problematische in beiden Realitäten – und zwar auf der Basis von
Beobachtung und Experiment - als permanentes Fachgespräch entfaltet werden.
Mittels der Fachsprache lässt sich, kurz gesagt, angemessen wissen und problematisieren.
Sie beruht also auf Kontexten, die geistige und natürliche Realitäten
miteinander verknüpfen. Nach allem wird es uns daher nicht überraschen, dass
auch die lebendige Komplexität in einer lebendigen bzw. dialogischen
Sprache zu uns spricht, d.h. einen eigenständigen Kontext eröffnet. Wir, als
die aufmerksamen Hörer, sind aus diesem Grunde imstande, und zwar quer durch alle
Ebenen der lebendigen Komplexität, problematisierbare Bereiche in ihr als
biowissenschaftlichen Forschungsprozess auszudrücken, und zwar auf der Basis
passiv vorgegebener Gemeinsamkeiten zwischen lebendiger Natur und Denken. Wie
später noch eingehender zu zeigen sein wird, eröffnet uns diese Dynamik einen
sehr wichtigen Aspekt von Poppers Welt 3.
Dies
ist in Grundzügen die Funktionsweise der Fachsprachen. Es besteht,
zusammenfassend gesagt, ein in der lebendigen Komplexität vorgegebener
Sprache-Welt-Rhythmus, der sachlich angemessenes Theoretisieren zu einem
dynamischen Ereignis zwischen Sprachwelt und wissenschaftlicher Welt bzw.
Lebenswelt werden lässt. Durch Einschwingen in diesen Rhythmus kann eine
Fachsprache, solange sie angemessen, kommunikativ bzw. dialogisch bleibt – d.h.
auf die Natur hört -, komplex strukturierte Benützeroberflächen erzeugen, mit
deren Hilfe Geistiges in der Natur und Natürliches im Geist erkannt und
verstanden werden kann, so z.B. die komplexe Biochemie der Gefühle.
Das
am Beginn unserer Überlegungen allgemein Festgestellte gilt daher,
zusammenfassend gesagt, auch in wissenschaftlicher Intention, was bedeutet, dass
auf die oben dargelegte Weise eine wissenschaftliche Sprache an der empirischen
bzw. wissenschaftlich erfahrbaren Welt teilhaben kann. Die Empirie ist,
so verstanden, eine Sprachform, die innerhalb gewisser Grenzen – als
theoretischer Bestand - vorgegeben ist. Romantisches Analogisieren und
romantische Ironie gehen freilich häufig über die empirische Grenze hinaus, die
auch in der sprachlichen Welt fest gezogen ist. „Einsichten“, die durch
Grenzüberschreitung erlangt werden, bleiben daher nur „theoretische Träume vom
Geist“. Das produktive Zusammenspiel von empirischer Zulässigkeit und
sachlicher Angemessenheit bezeichne ich Authentizität einer Fachsprache.
Zu ihr gesellt sich der Begriff Nachhaltigkeit, der für das höchst
mögliche Maß an Authentizität stehen soll.


